Vom Opfer zur Siegerin

Annette Rickertsen, Nomarussia Bonase

Nomarussias Bonases Kampf für Gerechtigkeit

Nomarussia Bonase ist eine Kämpferin, ihre Stärke und ihren Überlebenswillen musste sie schon früh unter Beweis stellen. Als ihre Mutter mit ihr im achten Monat schwanger war, wurde diese von einem weißen Soldaten brutal vergewaltigt. Der Schock war so groß, dass die Wehen einsetzen und Nomarussia Bonase einen Monat zu früh zur Welt kam. Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt bestimmten ihre Kindheit und Jugend, im Südafrika zu Zeiten der Apartheid. Ihr Vater wurde vor ihren Augen von seinem Chef gedemütigt und geschlagen, seine miserablen Arbeitsbedingungen führten dazu, dass er an Tuberkulose erkrankte und schließlich seine Arbeit verlor. Nomarussia Bonase musste die Schule abbrechen und arbeiten, um sich und ihre Familie durchzubringen. Zwei ihrer Brüder starben bei Protesten gegen das Apartheidsregime. Dennoch bezeichnet sich die 42-jährige Frau nicht als Opfer:

„Wenn wir von Opfern sprechen, meinen wir die Toten, die Menschen, die verschwunden sind, deren Gebeine wir heute noch suchen. Opfer sind Menschen ohne Stimme, die bis heute nicht über ihre Traumata sprechen können. Deswegen brechen wir das Schweigen, man muss darüber sprechen, um die Wunden heilen zu können. Das ist der Prozess, den meine Organisation ‚Khulumani’ unterstützt. Aus Opfern werden Überlebende und die Sieger von Morgen.“ 

Nomarussia Bonase sagt, sie sei eine einfache Frau, und doch hat sie sich eine wichtige Aufgabe gesetzt. Sie engagiert sich für die Organisation „Khulumani“ (zu deutsch „Erhebe deine Stimme“) und hilft so, das Schweigen zu brechen, das Schweigen über die grausamen Auswüchse der Apartheid. 55.000 Mitglieder zählt die Organisation, die seit 1995 das Schicksal tausender Verschwundener recherchiert und dokumentiert. Die Mitglieder von Khulumani organisieren Workshops, die sich mit sexueller Gewalt gegen Frauen befassen und mit Aids, einer Folgeerscheinung der Menschenrechtsverletzungen des Apartheidregimes. Die Auseinandersetzung ist auch heute noch nötig, meint Nomarussia Bonase, auch wenn manche anders darüber denken:

„Die Regierung will uns nicht zuhören. Sie redet sich raus und tut so, als sei durch die Wahrheitskommission alles aufgearbeitet worden. Sie verstehen oder wollen nicht verstehen, warum wir immer noch an die Menschenrechtsverletzungen erinnern. Sie sind davon überzeugt, dass dieses Kapitel durch die Demokratisierung längst der Vergangenheit angehört.“

Dabei setzte sich die Gewalt fort, auch nach dem Ende der Apartheid. Denn das Land war noch längst nicht befriedet, die Truppen des Apartheidregimes führten ihren Kampf in den Townships von Johannesburg fort. Dieses Kapitel der Geschichte Südafrikas ist längst noch nicht aufgearbeitet, beklagt Nomarussia Bonase:

„Die Gewalt war unser tägliches Brot. Wir haben mit Gewehren neben uns geschlafen, haben nachts die Überfälle gehört, haben versucht uns zu verstecken und wegzurennen. Und es ging sogar weiter als die Soldaten der Vereinten Nationen da waren. Anstatt uns zu schützen, haben sie noch mehr Gewalt gebracht. Sie haben uns geschlagen und die Frauen vergewaltigt. Aber darüber spricht bis heute niemand.“

Über das Leben in Südafrika und die Arbeit von Khulumani wollte die Kieler Studentin Annette Rickertsen mehr erfahren. Anfang 2008 reiste die Studentin des Fachbereichs Soziale Arbeit und Gesundheit nach Südafrika. Damals wohnte sie fünf Wochen bei Nomarussia Bonase, in den Townships von Johannesburg, wohnte bei der Familie in deren kleinen Haus und lernte so den Alltag von Nomarussia Bonase kennen. Sie begleitete diese bei ihrer täglichen Arbeit, ging z.B. von Tür zu Tür, um die Menschen bei den sogenannten „Door-to-door-Kampagnen“ über Aids aufzuklären.

„Dass ich Studentin bin, hat eigentlich überhaupt keine Rolle für die Menschen gespielt. Sie waren einfach wahnsinnig glücklich und haben das sehr wertgeschätzt. Ich bin ganz liebevoll behandelt worden und es war immer eine große Aufregung da, egal wo ich aufgetaucht bin, weil ich die einzige Weiße in diesem ganzen Township war. Viele weiße Südafrikaner trauen sich bis heute nicht in die Townships und deswegen war einfach ein großer Stolz da, eine große Freude, eine weiße Frau zu sehen, die Interesse hat die Kultur zu teilen und einfach zu sehen, wie die Menschen dort leben.“

Nomarussia Bonase bestätigt diese Erfahrung. Das Interesse anderer Menschen mache den Betroffenen Mut und könne so helfen, Wunden zu heilen. Eben diese Mut und der Wille, nicht aufzugeben, hat Annette Rickertsen tief beeindruckt:

„Da war zum Beispiel eine Frau, die hatte eine Behinderung und saß im Rollstuhl. Sie hatte ihre halbe Familie verloren im Kampf für die Freiheit. Trotzdem hat sie das Leben als Glück empfunden und versucht, für andere und mit anderen zu kämpfen, für ein noch besseres Leben und eine bessere Zukunft.“

Annette Rickertsen hat das Schicksal der Menschen nicht losgelassen. Sie hat Nomarussia Bonase nach Deutschland eingeladen, damit diese über ihre Arbeit berichten kann. Mit ihrer Diplomarbeit würde die Studentin der Organisation am liebsten helfen, vielleicht wird es ja ein gemeinsames Projekt mit Nomarussia Bonase geben. Was genau, steht noch nicht fest, aber der Kontakt der beiden, so unterschiedlichen Frauen wird wohl bestehen bleiben.

Kiel, 19.9.2008

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  Diese Seite wurde zuletzt am  12.01.2018  aktualisiert