Zwischen gekochten Schafsköpfen und Wellblechhütten

MMP-Studenten filmen im südafrikanischen Armutsviertel

Erfahrungsbericht von Tine Rothhardt

Durch mein Auslandssemester in Südafrika kam ich beim Tag der offenen Tür der Media School in Kapstadt durch Zufall mit Professor Karl Fedderke ins Gespräch. Ich erzählte ihm von meinen Wunsch, vor Ort ein Projekt zu realisieren. Professor Fedderke vermittelte mir sofort den Kontakt zu Thabo, einem jungen Schwarzen, der Studierende suchte, die ihn bei einer Videodokumentation unterstützen.

Thabo und Freunde vor Ortsschild
Thabo und seine Freunde vor dem Ortsschild von Nyanga

Ein paar Tage später saß ich Thabo und seinem Freund Welile gegenüber. Thabo schwebte eine Dokumentation vor, die das typische Leben im Township zeigt und ihr Projekt vorstellt, mit dem sie Kindern ihrer Community eine Perspektive bieten wollen. Die Dokumentation sollte helfen, Geld und Sachmittel zu sammeln und moralische Unterstützung zu finden. „Ohne etwas in der Hand zu haben, ohne den Leuten zeigen zu können, dass wir es ernst meinen, wird es sehr schwierig“, erklärte mir Thabo.

Die Idee begeisterte mich und ich holte meinen Kommilitonen Sami mit ins Boot, der im Januar 2009 für zwei Wochen mitsamt einem Filmequipment nach Kapstadt kam.

„Dusty Streets of Nyanga“

Die Dokumentation „Dusty streets of Nyanga“ erzählt die Geschichte von Thabo und seinen sechs Freunden, die im drittgrößten Township Kapstadts leben. Gemeinsam feiern sie ihre mehr als 16 Jahre alte Freundschaft und erinnern sich an eine Kindheit und Jugend voller Gewalt, Drogen und Trauer – aber auch Freude, Musik und Hoffnung, Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Deswegen haben die sieben Freunde die Organisation „Ekasi Life Project“ („Township Leben“) gegründet, mit der sie Kinder von der Straße holen wollen. Dafür organisieren sie Fußballturniere, Mal- und Bastelkurse, Gesprächsrunden, gemeinsame Aufräumaktionen, aber vor allem wollen sie die jüngeren beschäftigen, um sie vor den Fehler zu schützen, die sie selbst als Kinder aus purer Langeweile gemacht haben.

Kameramann von Menschen umringt
Bei den Dreharbeiten zu "Dusty Streets of Nyanga"

Als Sami und ich das erste Mal nach Nyanga fuhren, war uns doch mulmig zumute. Schließlich waren wir die einzigen Weißen weit und breit, unser Auto nicht gerade zuverlässig. Die wenigen Ampeln wurden von den Einheimischen ignoriert, jeder fuhr kreuz und quer und so waren wir froh, unversehrt vor Thabos Haus anzukommen. Umgeben von einem hohen Zementzaun waren wir überrascht, wie nett das kleine Häuschen der Familie Matshane aussah. Townships hatten wir vorher nur mit kleinen Wellblechhütten assoziiert.

Herzlich wurden wir im Hause Matshane empfangen, in dem Thabo mit seiner Mutter und Großmutter lebt. Als wir zur ersten Besichtigung der Umgebung losgingen, „pfiff“ Thabo seine Freunde heran, plötzlich waren wir eine Gruppe von zehn oder mehr. „Alles zu eurer Sicherheit“, sagte Thabo lachend. Eine Stunde lang spazierten wir unter wachsamen Augen auf den staubigen Straßen, vorbei an offenen Fleischständen, Autowracks und Müllbergen. Dann hatten wir alles Wichtige von Thabos Community „White City“ gesehen, ohne Zwischenfälle.

Welblechhütte mit zwei Personen
Typisches Haus in Nyanga

Stunden vor Einbruch der Dunkelheit (Thabo stellte sicher, dass wir uns rechtzeitig auf den Weg machten) saßen wir aufgewühlt im Auto und fuhren erleichtert auf die Autobahn Richtung Kapstadt. Wir fühlten uns dreckig, hatten Sonnenbrand auf der Nase und irgendwie hatten wir ein schlechtes Gewissen, weil wir uns freuten, wieder sicher auf dem Weg nach Hause zu sein.

In den kommenden zwei Wochen waren wir fast täglich in Nyanga. Unsere Hemmschwelle verringerte sich von Tag zu Tag und wir bewegten uns unbefangener auf den kleinen Straßen. Wenn „unsere Jungs“ dabei waren, fühlten wir uns schon fast sicher. Und genau diese Jungs waren es, die uns mit spontanen Tanz- oder Gesangseinlagen zeigten, dass sie ihren Lebensmut nicht verloren hatten.

Die Dreharbeiten waren aufreibend, körperlich und mental, aber es hat uns unheimlich viel Spaß gemacht. Mit der fertigen Dokumentation können Thabo und seine Jungs dann beweisen, dass sie viel bewegt haben und das auch in Zukunft schaffen werden.

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen bedanken, die Geld gespendet haben. 363 Euro konnten wir so Thabo und seinen Freunden überreichen, die davon Fußbälle, Mal- und Zeichenutensilien gekauft und einen kleinen „Car-Wash“ eröffnet haben, mit dem sie weiteres Geld für die Organisation erarbeiten werden. Ob sie langfristig etwas ändern können wird sich noch zeigen, aber ein Anfang ist gemacht.

Tine Rothhardt und Sami El Khaschab
Kontakt: tine.rothhardt(at)student.fh-kiel.de und pharao-iii(at)web.de




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  Diese Seite wurde zuletzt am  12.01.2018  aktualisiert