Mit dem Rollstuhl auf dem Campus

Inklusionsprojekt auf der Suche nach Hindernissen

Kiel, 13.5.2009

„Mit dem Rollstuhl an der Fachhochschule studieren – geht das?“ Diese Frage stellten sich sie sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung „Erfahrbarer Campus“ und wagten den Selbstversuch. Einen Tag lang ging es kreuz und quer über den Campus um herauszufinden, wie barrierefrei die Fachhochschule Kiel ist und was es zu verbessern gilt.

Der Tag war Teil des vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein geförderten Forschungsprojekts „Inklusion und Chancengleichheit als Hochschulkultur“. „Das Projekt zielt darauf ab, dass eine Hochschule so geschaffen sein muss, dass sie für alle Menschen lebbar ist“, beschreibt die Leiterin Prof. Dr. Uta Klein das Vorhaben, das sich vorrangig mit den Problemen behinderter Menschen auf dem Campus befasst.

Melf Kischnick, Sabine Dittmann, Saskia Lück und Sabrina Schwamborn beim Rollstuhltraining
Mit dem Rollstuhl über den Bordstein. V.l.n.r.: Melf Kischnick, Sabine Dittmann, Saskia Lück und Sabrina Schwamborn

„Barrierefreiheit“ ist hier eines der wichtigsten Themen – also das Beseitigen von Hürden und Barrieren, die sich behinderten Menschen im Alltag in den Weg stellen. Doch wie macht man diese Barrieren ausfindig? Am besten, indem man sich selbst in die Situation eines Behinderten begibt. Die Idee dazu hatte eine Betroffene, die täglich im Rollstuhl an der Fachhochschule unterwegs ist und im Rahmen des Forschungsprojekts einen Workshop besuchte. Prof. Dr. Uta Klein und Melany Struve entwickelten die Idee weiter und machten sich an die Umsetzung.

Im Rollstuhl hatte noch keine der beiden Sozialwissenschaftlerinnen gesessen, Melany Struve suchte also zunächst einmal fachkundige Hilfe und fand sie bei Sabine Dittmann. Diese arbeitet unter anderem beim Verein „Unterwegs ohne Grenzen e.V.“ und ist Übungsleiterin einer Kieler Rollstuhlsportgruppe. Von Sabine Dittmann kam auch gleich der erste wertvolle Tipp und so lieferte die Firma Assmann die erforderlichen Rollstühle kostenlos und frei Haus an die FH.

Los ging es dann morgens um 9 Uhr erst einmal mit einem gründlichen Mobilitätstraining – eine Art Rolliführerschein im Schnellverfahren, bei dem unter anderem Slalom-, Steigungs- und Hindernisfahren und natürlich das Bremsen auf dem Programm standen. Ein kräftezehrendes Training an dessen Ende dann die Fahrt in die Mensa stand.

Eingeteilt in Gruppen wurden die Teilnehmenden anschließend mit unterschiedlichen Aufträgen auf die Reise geschickt. Verschiedene Aufgaben galt es zu erfüllen - eine Hilfestellung zur Orientierung sollte der Campusplan sein, welcher allerdings gleich die ersten Defizite aufzeigte. So gibt es einige barrierefreie Eingänge und Wege an der FH, nur sind diese leider nicht im offiziellen Plan eingezeichnet. „Das fehlte einfach“, stellte Melany Struve fest, ebenso wie Beschilderungen in den Aufzügen oder an den Straßen, die teilweise mit Kopfsteinpflaster und hohen Bordsteinkanten auf die Teilnehmenden warteten. Das fiel auch Sabine Dittmann auf. „Hier fehlt noch einiges an Bordsteinabsenkungen“ findet sie. Es sei eben einfach ärgerlich, eine Straße entlang zu fahren um am Ende festzustellen, dass es keinen Übergang gibt, betont sie.

Miriam Delfs auf dem Rollstuhl
Miriam Delfs auf der Suche nach einem barrierefreien Eingang

Doch es gibt auch eine Menge positiver Dinge, die bereits vorhanden sind – die barrierefreien Eingänge gehören dazu, die automatischen Türöffner an vielen Stellen oder auch Aufzüge, speziell für Rollstuhlfahrende. Aber auch hier schränkt Sabine Dittmann ein: „Was hier total fehlt ist die Beschilderung – was es gibt, das findet man nicht“.

Die Beschilderung auf dem Campus stellte sich am Ende des Tages in der Gesprächsrunde dann auch als das gravierendste Manko heraus – aber immerhin auch als eine Barriere, die leicht zu beheben ist. Schwieriger wird es da beispielsweise bei sanitären Anlagen, die einigen Teilnehmenden Probleme bereiteten oder die Präparierung der Zugänge, so dass diese für alle barrierefrei sprich stufenlos zu erreichen sind.

Für die Teilnehmenden war der gesamte Tag eine einmalige Erfahrung mit wertvollen Eindrücken, die so nur im Rollstuhl möglich waren. Dazu gehörte auch das Entdecken von Armmuskeln, die am Morgen noch völlig unbekannt waren. Auch für Prof. Dr. Uta Klein und Melany Struve war die Veranstaltung ein echter Erfolg und eine Bereicherung für ihr Projekt. Mit einem Fundus aus Erfahrungen und konstruktiver Kritik soll das Forschungsprojekt vorangetrieben werde. Am Ende soll nicht nur die Fachhochschule Kiel barrierefrei sein. Herausgegeben werden soll eine Broschüre, die auch anderen Hochschulen helfen soll, eine Kultur der Inklusion und Chancengleichheit zu schaffen.

Weitere Informationen zum Projekt „Inklusion und Chancengleichheit als Hochschulkultur“ finden Sie unter www.fh-kiel.de/inklusion.

Autor: Michael Neubauer



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