ESA-Astronaut Thomas Reiter zu Gast in Kiel - ein Interview

Kiel, den 03.09.2009

Die Kieler Fachhochschule hatte zur diesjährigen Museumsnacht ein besonderes Highlight zu bieten. Thomas Reiter, ehemaliger ESA-Astronaut mit Missionen auf den Raumstationen MIR und ISS war auf dem Campus zu Gast und berichtete in zwei Vorträgen im Mediendom von seiner Arbeit und seinen Erfahrungen im All. Vor seinem Auftritt im großen Hörsaalgebäude stand Thomas Reiter für ein Interview zur Verfügung.
Thomas Reiter an Bord der ISS
ESA-Astronaut Thomas Reiter an Bord der ISS - Bild: NASA

Herr Reiter, vielen Dank, dass Sie sich für dieses Interview bereit erklärt haben. Die Fachhochschule ist stolz, Sie heute als Gast an der Kieler Förde begrüßen zu dürfen – zumal Sie im Augenblick sehr eingebunden sind. Haben Sie unsere Stadt denn schon kennengelernt?

Nein, leider nicht. Kiel kenne ich bisher nur aus der Luft und aus etwas größeren Höhen. Gerade der Blick von dort oben auf unsere Erde ist eine der herausragenden Besonderheiten, in vielerlei Hinsicht. Jeder hat ja schon mal einen Atlas oder ein Satellitenbild gesehen – wenn man unseren Kontinent aber live mit eigenen Augen überblicken kann – das geht unter die Haut. Deutschland überquert man ungefähr auf der Höhe von Bielefeld und Schleswig-Holstein kann man von dort aus sehr gut erkennen.

Sind denn aus solchen Entfernungen Städte mit bloßem Auge auszumachen?

Das kommt ganz darauf an. Tagsüber erkennt man einige Städte, wie zum Beispiel Kiel, besser als andere in der Mitte Deutschlands. Das liegt an den Küstenstreifen, daran kann man sich gut orientieren. In Deutschland ist die Vegetation so beschaffen, dass man die Städte ansonsten nur schwer ausmachen kann. Nachts, wenn die Beleuchtung angeschaltet ist, ist das natürlich etwas anderes

Wie viel Zeit bleibt den Besatzungsmitgliedern einer Raumstation denn für derartigen Beobachtungen? Wie kann man sich überhaupt den Alltag auf einer Raumstation vorstellen? Gibt es normale Tages- und Nachtzeiten oder Wochentage und hat man dort oben so etwas wie Freizeit?

Ja, manchmal gibt es tatsächlich auch so etwas wie Freizeit – vor allem an den Wochenenden. Während der Woche kann man sich den Ablauf eigentlich wie hier auf der Erde vorstellen – also mit fünf Arbeitstagen. Man steht morgens um sieben auf und arbeitet dann bis 22 Uhr, dann gibt es eigentlich eine Stunde Freizeit. Die Tage sind allerdings so minutiös durchgeplant, dass man immer länger braucht, um das Tagespensum zu schaffen – vor zwölf kommt man eigentlich nicht ins Bett. Wann Tag und wann Nacht ist – das richtet sich dort oben nach der Greenwich Mean Time. Nach der Sonne kann man nicht gehen, denn man fliegt ja mit 28 000 Stundenkilometern um die Erde herum. Bei dieser Geschwindigkeit gibt es in vierundzwanzig Stunden sechzehn Sonnenauf und –untergänge. Daran kann man sich übrigens nie satt sehen – einer ist schöner als der andere.

Thomas Reiter bei seinem Vortrag im Rahmen der Museumsnacht.
Während ihrer Missionen auf der MIR und elf Jahre später auf der internationalen Raumstation ISS waren Sie insgesamt ein ganzes Jahr im All. Welche Eindrücke und Erfahrungen waren für Sie in dieser Zeit besonders wichtig?

Eine absolute Besonderheit waren meine Außeneinsätze. Ich hatte mehrere Male die Möglichkeit, einen so genannten Weltraumspaziergang zu machen. Mit einem Spaziergang hat ein solcher Einsatz aber nicht viel gemeinsam – das ist harte Arbeit. Die Raumanzüge sind sehr steif, jede Bewegung kostet ein vielfaches an Kraft. Zusätzlich hat man mit lauter kleinen Problemen zu kämpfen. Man muss höllisch aufpassen, dass einem nichts wegfliegt, sonst kann man schnell berühmt werden. Alles muss also irgendwie fixiert oder festgebunden werden, sogar man selbst. Wenn man keinen Halt gefunden hat und versucht zum Beispiel eine Schraube festzuziehen, dann dreht man sich eher um sich selbst, als das sich die Schraube bewegt. Solche Einsätze an der Außenhülle der Station dauern bis zu sechs Stunden – anschließend hat man gut drei Liter Schweiß verloren.

Entschädigt wird man dafür aber durch die einmalige Aussicht. In der Raumstation gibt es nur kleine Fenster, die immer nur einen Ausschnitt zeigen – durch das Visier des Raumanzugs hat man dagegen den ultimativen Panoramablick. Wenn man sich dann mit dem Rücken zur Station dreht und nur noch das All und die Erde aus 400 Kilometern Entfernung sieht, dann fühlt man sich wie im Traum. Man muss sich kneifen, um zu bemerken, dass alles real ist. Man versucht, solche Eindrücke so gut es geht zu verarbeiten, aber eigentlich schafft man das nicht. Wenn ich heute Bilder von meinen Außeneinsätzen sehe, dann schüttle ich mit dem Kopf und muss mir selber ein paar Mal sagen, dass ich wirklich da draußen war.

Oft wird berichtet, dass sich die Sichtweisen und Einstellungen bei Menschen, die unseren Heimatplaneten aus der Ferne betrachten konnten, stark verändern. Können Sie das Bestätigen?


Absolut. Man sieht vieles anders, wenn man es aus der Ferne betrachtet. Die Schönheit unseres Planeten ist atemberaubend. Man kann sehen, wie unglaublich dünn und zart unsere Atmosphäre ist, ebenso wie viele negative Dinge, die der Menschen anrichtet. Man erkennt zum Beispiel mit bloßem Auge die Abholzung des Regenwaldes. Es ist absolut erschreckend, welche riesigen Schneisen dort geschlagen werden. Man sieht Waldbrände, die teilweise durch Brandstiftung oder Brandrodung verursacht wurden und die Rauchschwaden, die bis über den Atlantik ziehen. Es gibt große Erosionen – dort wo der Wald abgeholzt wurde und man sieht ebenfalls Rauch über den Kriegsgebieten. Auf der ISS wurden wir täglich mit Nachrichten versorgt. Wenn man diese schlimmen Beobachtungen macht und dann hört, dass sich Deutschland über eine neue Biersteuer streitet – da kommt man schon ins Nachdenken, alles relativiert sich etwas.

Irgendwann ist die Zeit auf der Station vorbei und man fliegt wieder zurück zur Erde. Nach einem halben Jahr in der Schwerelosigkeit und auf einem solch engen Raum – wie fühlt man sich da mit festem Boden unter den Füßen? Kann man sich das wie nach einer langen Fahrt auf einem Schiff vorstellen?


Der Vergleich passt schon ein wenig. Man freut sich natürlich, wieder auf der Erde zu sein und genießt es, Freunde und Familie wieder zu sehen. Auch das es wieder mehr Platz zum Bewegen gibt. Körperlich geht es einem, vor allem am ersten Tag, überhaupt nicht gut. Man hat mit starken Schwindelgefühlen und Übelkeit zu kämpfen und kann sich kaum auf den Beinen halten. Aber der Körper ist unglaublich anpassungsfähig, am nächsten Tag geht es einem schon viel besser und nach ein paar Wochen und etwas Sport hat man die gleiche Kondition wie vor dem Flug.

Herr Reiter, vielen Dank für das Interview. Eine letzte Frage: Würden Sie den Weg von der Erde zur Raumstation noch einmal wagen?


Wenn man mich fragen würde, dann wäre ich auf jeden Fall wieder mit dabei. Aber das ist im Augenblick leider eher unwahrscheinlich.

Thomas Reiter, Jahrgang 1958, studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. Er besuchte als ESA-Astronaut 1995 die russische Raumstation MIR und rund 11 Jahre später die internationale Raumstation ISS. Derzeit ist Reiter als beurlaubter Brigadegeneral der Luftwaffe Mitglied des Vorstands des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt und zuständig für die Bereiche Raumfahrtforschung-  und Entwicklung.


Interview und Text: Michael Neubauer

Einen Erfahrungsbericht zur diesjährigen Museumsnacht auf dem Campus der Fachhochschule Kiel lesen Sie hier...




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  Diese Seite wurde zuletzt am  12.01.2018  aktualisiert