"Die wissen, was kiffen bedeutet und sind WG-kampferprobt"

Kiel, den 23.09.2009

Das sagt Rainer Fretschner, neuer Professor für Soziale Arbeit mit alten Menschen über seine „Forschungsobjekte“.  Warum die "Baby Boomer" im Alter für einen Jobboom sorgen dürften und warum er sich gerade auf alte Menschen spezialisiert hat, hat er Michael Neubauer, unserem Mitarbeiter in der Pressestelle, verraten. Studiert und promoviert hat Fretschner an der Ruhr-Universität Bochum, aufgewachsen ist er im Süden der Republik, in Meersburg am Bodensee, wo er seinen Zivildienst in einem Altenpflegeheim leistete.

Professor Rainer Fretschner vor dem Hochhaus der FH

Michael Neubauer (MN): Herr Fretschner, war das Zufall oder schon der Beginn ihrer Spezialisierung auf diesen Bereich?

Rainer Fretschner (RF): Dass ich Sozialwissenschaften studieren wollte, war mir schon nach meinem Abitur klar, meine Zukunft sah ich damals schon im sozialen Bereich. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Spezialgebiet aus meiner Zivildienststelle folgte. Vielleicht war es ja unbewusst eine zwangsläufige Entwicklung.


MN: Was fasziniert Sie denn an ihrem Fachgebiet alte Menschen?


RF: Das Thema Alter ist ja ein tabuisiertes Thema. Man stirbt in Institutionen, wenn ältere Menschen öffentlich ihre Liebe zeigen, wird dies belächelt. Als Sozialwissenschaftler habe ich natürlich ein Herz für Randgruppen und durch den demographischen Wandel ist dieses Thema sehr spannend. Die Alten werden in den kommenden 15 Jahren enorm an Bedeutung gewinnen. Das Thema hat also Zukunft und man kann sich sehr gut positionieren, wissenschaftlich und auch als Sozialarbeiter.

MN: Aber ist es denn nicht auch so, dass die Grenzen inzwischen verwischen? In der Werbung werden die Alten als Zielgruppe entdeckt und die Wirtschaft hat erkannt, dass es falsch war, die Menschen mit 50 in den Vorruhestand zu schicken.

RF: Das ist richtig, aber diese ist kein Zufall. Das war richtig harte Arbeit, von Menschen wie mir, von Politikern, aber natürlich auch von den Senioren selbst. Noch gibt es eine Menge zu tun. Die Hochschulen sind ein sehr gutes Beispiel. Bei den Studierenden sind die Alten auch nicht das beliebteste Thema. Es dreht sich alles um Kinder- und Jugendarbeit, um Behinderte oder straffällig gewordene Menschen. Ich möchte das Thema Senioren ein bisschen in den Mittelpunkt rücken und Lust machen, sich auch mit der älteren Generation zu beschäftigen.

MN: Dieses Thema wird ja auch unter Karriereaspekten attraktiver, die Studierenden wollen nach ihrem Studium schließlich einen Job bekommen.

RF: Ganz genau, wir nennen das die Zukunftsbranche. In ein paar Jahren schon wird sich das Bild der Alten rapide verändern. Dann wird es um Themen gehen, die man heute noch nicht mit dem Alter in Verbindung bringt. Dann kommen die sogenannten „Baby-Boomer“ ins Rentenalter. Diese Menschen sind in den 50er und 60er Jahren geboren. Die wissen bereits, was Kiffen bedeutet, die sind „WG-Kampferprobt“ und wissen, dass es auch andere Partnerschaftsformen als die Ehe gibt. Diese Menschen wollen anders alt werden und haben Ansprüche. Die wollen nicht in ein Pflegeheim, wo es kein Internet gibt und Bier am Abend verpönt ist.

MN: Wie kam es denn, dass Sie jetzt nach Kiel gekommen sind? Hatten Sie schon eine Verbindung zur Stadt?

RF: Nein, bisher nicht. An der Ruhr-Universität in Bochum hatte ich mich ja auf Sozialwissenschaften spezialisiert. Dort hatte ich aber nur eine halbe Stelle. Den Rest meiner Zeit verbrachte ich an der Fachhochschule in Gelsenkirchen. Dort war mein Schwerpunkt Seniorenwirtschaft, Gesundheitswirtschaft und demografischer Wandel. Die Stellenausschreibung hier an der FH Kiel verband beide Bereiche und war für mich deswegen sehr attraktiv. Und dann freue ich mich natürlich, dass ich am Wasser wohnen kann, das bedeutet auch ein ganzes Stück Lebensqualität.

MN: Haben Sie Kiel denn inzwischen ein bisschen kennen lernen können?

RF: In vielen Bereichen schon. Ich wohne in Gaarden-Ost und man kann sagen, ich wohne mitten im Forschungsgegenstand. Ich mag solche Stadtteile und finde, dass Gaarden doch viel Flair hat. Ich habe in Bochum gewohnt und in Gelsenkirchen gearbeitet – dort gibt es Stadtteile, da möchte man wirklich nicht hin.

MN: Nun beginnt ihr erstes Semester an der FH Kiel – was bedeutet das für Sie persönlich?

RF: Also, ich bin selbst noch ein bisschen aufgeregt. Ich sitze zurzeit mit den Studierenden in der Erstiwoche und höre mir an, was die anderen so von der FH zu berichten haben. Aber ich habe ja bereits ziemlich viel Lehrerfahrung und ein bisschen Lampenfieber hat noch nie geschadet. Was den Job für mich eigentlich so attraktiv macht, ist, dass man immer weiter lernen darf, weil sich alles weiter entwickelt. Das macht mir aber nur Spaß, wenn ich auch von den Studierenden lernen kann. Wenn man sich gegenseitig Input geben kann – dann ist das Ziel erreicht.

Interview und Text: Michael Neubauer




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