"Ich bin ein durchgeknallter Typ mit guten Ideen"

Kiel, 6. 11. 2009

Rick Jensen ist erst 21 und gilt unter Kennern als einer der extremsten Kitesurfer der Welt. Momentan sitzt er allerdings auf dem Trockenen, ein schwerer Kreuzbandriss hat ihn für mehrere Monate lahmgelegt. Mit Vera Nick von der Pressestelle der FH sprach er über seine Verletzung, sein Studium an der FH Kiel und seinen Sport.

Es ist ein kalter nasser Herbsttag Anfang November, kurz nach zwei am Mittag. Vor dem Haus stehen Fahrräder und ein großer VW-Bus. Die Tür zur Erdgeschosswohnung steht bereits offen. Um die Ecke kommt Rick Jensen. Gestützt auf Krücken grüßt er per Handschlag. Mit einer Krücke stößt er die Tür auf und humpelt in sein Zimmer. Es sieht leer und unbewohnt aus. Noch dient nur eine Matratze als Schlafplatz. Das Bett ist ordentlich zusammengelegt. Weder Fotos noch Surfbrett erinnern an seine große Leidenschaft. Jensen setzt sich auf eine große rote Couch und stellt Getränke auf einen Tisch, den er selbst aus einer hölzernen Kabelrolle und einer runden Glasplatte gebaut hat. Die Krücken legt er zur Seite.

Vera Nick (VN): Herr Jensen, wie geht es Ihrem Knie?

Rick Jensen (RJ): Heute ist der erste Tag, an dem es mir nach der Operation wieder besser geht.

VN: Was ist denn überhaupt passiert?

RJ: Die letzten zwei Wochen vor Studienbeginn waren ein Kumpel und ich für einen Videodreh auf Mauritius. Immer, wenn es auf den Winter zugeht, finden Videowettbewerbe im Internet statt. Am letzten Tag wagte ich einen Kiteloop. Das bedeutet, dass man durch das Fliegen eines Loopings mit dem Drachen auf einer Höhe fliegt. Bei diesem Trick ist es dann passiert. Statt ganz normal zu landen, bin ich circa 10 Meter tief gefallen und leider dort eingeschlagen, wo das Wasser nur wenige Zentimeter flach war. Der Aufprall war dann einfach zu heftig.

VN: Haben Sie sofort gewusst, dass es ernst ist?

RJ: Mein Knie hat sich instabil angefühlt, ich konnte aber ganz normal gehen. Mit sechs Schmerztabletten intus habe ich mich dann auf die Heimreise begeben und schweres Gepäck geschleppt. Erst hier in Deutschland bin ich zu meinem Sportarzt gegangen. Nachdem das Knie ein bisschen abgeschwollen war, konnte ich am Kreuzband operiert werden. Vor der OP war ich sogar noch einmal auf dem Wasser.

VN: Ist das Ihr erster Unfall?

RJ: Definitiv nein. Jedes Jahr bin ich mindestens einmal im Krankenhaus. Diese Verletzung ist allerdings die schlimmste. Fast zwei Monate muss ich nun auf Krücken gehen und danach folgt die Reha. Sechs Monat dauert es insgesamt, bis das Implantat vollständig belastet werden kann und ich wieder aufs Wasser zurück darf. Zum Glück ist mein Physiotherapeut selbst Kitesurfer und bemüht, mich so schnell wie möglich wieder surffähig zu bekommen.

VN: Wenn man das so hört, könnte man meinen, dass Kitesurfen ein sehr riskanter Sport ist.

RJ: Ich finde diesen Sport nicht so riskant. Man sollte sich die Ziele so stecken, dass sie zu erreichen sind und sich über die Gefahren und Risiken im Klaren sein. Vor meinen Unfällen war mir immer bewusst, dass das nun sehr gewagt ist und eine Verletzung mit sich bringen könnte. Ohne ein gewisses Risiko wäre die Spannung weg und es wäre zu langweilig.

VN: In einem Artikel über Sie stand, dass Sie sich mit 30 Jahren im Rollstuhl sitzen sehen. Was ist dran an diesem Zitat?

RJ: Das habe ich einfach mal so gesagt, ohne zu wissen, was für eine Welle das auslöst. Natürlich möchte ich nicht mit 30 im Rollstuhl sitzen.

Immer wieder streicht Rick Jensen über sein Knie, das von einer dunkelblauen Jeans bedeckt ist. Das Bein hat er ausgestreckt. Um Fotos von seinen Stürzen zu zeigen, holt er seinen Laptop. Das Gehen fällt ihm schwer. Bei jedem Schritt verzerrt sich sein Gesicht.

VN: Wie sind Sie zum Surfen gekommen?

RJ: Bereits im Alter von sechs Jahren stellte mich mein Vater auf ein Surfbrett und ich begann mit dem Windsurfen. Aus reiner Neugier nahm ich einen Drachen dazu. Im Alter von 12 Jahren begann ich dann mit dem Kitetraining und konnte mit 14 Jahren schon besser kiten als mein damaliger Lehrer und daher auch schon in den Ferien unterrichten. Mit Hilfe meiner Oma konnte ich mir dann den ersten Drachen leisten und an Wettkämpfen teilnehmen. Gleich nach dem ersten Wettkampf zeigten sich die ersten Sponsoren interessiert.

VN: Was ist Ihr Geheimrezept für den Erfolg?

RJ: Für mich ist es wichtig, dass man das Kiten nicht als Beruf, sondern als Hobby sieht, nicht zu ernst oder verbissen. Ich habe Spaß an der Sache und kann somit Leistung bringen.

VN: Was waren bisher Ihre größten Erfolge?

RJ: Ich wurde zweimal Juniormeister und Neunter beim Worldcup.

VN: Vor wenigen Wochen begann Ihr Studium Maschinenbau an der FH Kiel. Warum haben Sie sich gerade für diesen Standort entschieden und warum für diese Fachrichtung?

RJ: Zusammen mit meinem Mitbewohner und langjährigem Freund Tobias habe ich schon immer viel rumgebastelt. Angefangen hat alles mit dem Bau von mittelalterlichen Langbögen und Armbrüsten bis hin zu einer sechs Meter hohen Wurfmaschine. Irgendwann war es keine Frage mehr, dass das mein favorisierter Studiengang ist. Für den Standort habe ich mich entschieden, weil viele Wettkämpfe in Kiel und Umgebung stattfinden und auch viele Freunde von mir hier wohnen.

VN: Wie sind Ihre ersten Eindrücke von der FH?

RJ: Es ist eine Umstellung vom Reisen, Feiern und Kiten plötzlich bis zu elf Stunden im Hörsaal zu sitzen und den Professoren zuzuhören. Allerdings ist das eine Veränderung, die mir ganz recht ist, da ich wieder auf eine ganz andere Art und Weise gefordert werde.

VN: Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach dem Studium?

RJ: Soweit habe ich noch nicht geplant. Erstmal strebe ich an, meinen Bachelor erfolgreich abzuschließen, um dann noch den Master machen zu können. Wenn das alles klappt, könnte ich mir einen Job im Ausland sehr gut vorstellen. Durch das viele Reisen habe ich viele traumhafte Plätze kennengelernt, an die ich zurückkehren und woich leben möchte.

VN: Bleibt neben Studium und Sport noch Zeit für Freunde, Familie und weitere Hobbys?

RJ: Ich denke nicht, dass ich mich da von anderen Studenten unterscheide. Das Gute am Kiten ist, dass ich meine Zeit selbst einteilen kann. Viele meiner Freunde sind selbst Sportler und oft beim Training mit von der Partie.  Ab und zu fällt ein wenig Arbeit bei meinen Sponsoren an. Dort schreibe ich News, übersetze Texte und bin an der Gestaltung der Homepage beteiligt. Ansonsten fotografiere ich in meiner Freizeit leidenschaftlich gerne.

VN: Wie würden Sie sich in wenigen Worten beschreiben?

RJ: Ich bin ein durchgeknallter, zielstrebiger, kreativer, gelassener Typ mit guten Ideen.

VN: Was ist für die Zukunft geplant?

RJ: Erstmal gesund werden und mich auf das Studium konzentrieren. Wenn ich die Klausuren und Prüfungen meistere, dann habe ich in den Semesterferien umso mehr Zeit für den Sport. Wenn ich allerdings schlechte Arbeiten schreiben sollte, dann bleibt nur wenig Zeit, um aufs Wasser zu gehen. Ich nehme das Studium sehr ernst. Schließlich ist das meine Investition in die Zukunft.

Mehr zu Rick Jensen:www.rickjensen.de

Bildnachweis:
Startseite: Michaek Kunkel
Portrait: Kim Albrecht

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  Diese Seite wurde zuletzt am  11.06.2018  aktualisiert