Ungewohnte Rolle

Drachensee-Mitarbeiterinnen lehren an der FH Kiel

Kiel, 20. 11. 2009

Zum ersten Mal gestalten Menschen mit Behinderung am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der FH Kiel ein Seminar. Unter dem Motto „Meine Welt“ geben fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Werkstatt am Drachensee den Studierenden einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben. Sie sprechen über ihre Arbeit, ihre Träume und Barrieren im Alltag. Vera Nick von der Pressestelle der Fachhochschule Kiel hat sich unter die Studierenden gemischt.
Marika Hess
Stolz auf ihre Selbständigkeit: Marika Hess

Auf der Leinwand: Ein großer, roter Staubsauger. Auf dem nächsten Bild: Ein Trockner. Stolz zeigt Marika Hess ihr Hab und Gut, das sie in ihrer 41 Quadratmeter großen Erdgeschosswohnung gesammelt hat. Für die 45- jährige sind die beiden Haushaltsgeräte offenbar sehr wichtig. Sie erleichtern ihr nicht nur das Leben, sondern liegen ihr am Herzen. Und deswegen sind sie Thema im Seminar „Meine Welt“. In dieser Woche geht es ums Wohnen und da spielt auch Marika Hess' Mann eine wichtige Rolle. Seit 12 Jahren ist sie verheiratet. Immer wieder erzählt Marika Hess liebevoll von ihrem „Männe“, der die Hausarbeit übernimmt. Nur den Trockner bedient die 45jährige lieber selbst, da Kleidungsstücke schon einige Male eingelaufen sind.

Nicht immer war Marika Hess so selbständig. Bis 1991 lebte sie bei ihrer Mutter. Nach deren Tod zog sie in den Erlenhof, eine Betreuungseinrichtung in der Nähe von Neumünster. Ihren Mann lernte sie in einem Freizeitclub kennen. Heute ist sie nur selten auf fremde Hilfe angewiesen. Wenn unverständliche Briefe ankommen, hilft ihr der Nachbar.

Ute Eggers, Isabell Veronese, Michaela Höftmann
Erzählten den Studierenden von ihrem Leben: Ute Eggers, Isabell Veronese und Michaela Höftmann (v.l.n.r.)

Von so viel Selbständigkeit träumt Isabell Veronese. Die 24-jährige, die von allen „Easy“ genannt wird, sitzt im Rollstuhl. Isabell Veronese wohnt im Antoniushaus. Dort kann sie jederzeit Hilfe in Anspruch nehmen. Statt Bilder zeigt sie von ihrer Wohnung lieber ein Video. Denn das Sprechen fällt ihr schwer und so muss sie im Seminar nicht mehr so viel erklären. Die Studierenden müssen trotzdem sehr aufmerksam zuhören. „Es ist eine richtige Herausforderung, den Vortragenden zu lauschen. Man benötigt viel mehr Konzentration als beispielsweise in einer ganz normalen Vorlesung, wenn ein Professor vorne steht“, gibt Jens Maroska zu. Trotzdem ist der angehende Sozialpädagoge nicht nur vom Thema fasziniert: „Es ist einfach interessant, zu sehen, wie die Menschen mit Behinderung in die Rolle des Redners schlüpfen.“

Aufregend ist es für die Vortragenden allemal, das ist auch Ute Eggers anzumerken, als sie über ihr Leben berichtet. Sie zeigt Bilder von ihrer Mutter, der schwerhörigen Nachbarin, ihrem Arbeits- und Schlafzimmer und dem Dachboden. Dorthin zieht sie sich zurück, wenn sie etwas basteln oder malen möchte. Auf ihre selbstgemalten Bilder ist sie besonders stolz.

Anschließend diskutieren alle über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Lebens- und Wohnträumen der Menschen mit Behinderung und denen der Studierenden. Am Ende wird deutlich: So unterschiedlich sind diese gar nicht.




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  Diese Seite wurde zuletzt am  12.01.2018  aktualisiert