„Eine Portion Cassoulet, ein Stückchen Schokolade und eine Prise Grammatik“

Kiel, 8. März 2010

„Eine Portion Cassoulet, ein Stückchen Schokolade und eine Prise Grammatik“   können die Zutaten für eine gelungene Deutschstunde sein. Warum aber manchmal nur noch der beherzte Ausruf „Hello, I am lost!“ weiterhilft, weiß Katja Jantz.

Freitag, 10 Uhr, International Office im Heikendorfer Weg, 1. Stock. Es ist fast ganz still im Unterrichtsraum. Aber nur fast. Eines der drei großen Fenster mit Blick auf die Schwentine ist geöffnet und von draußen tönt munteres Vogelgezwitscher herein. Der Raum ist klein, aber nicht beengend. Mit seinen weiß gestrichenen Wänden, blauen Türrahmen und Fußleisten wirkt er beinahe gemütlich. In der hinteren linken Ecke steht ein riesiger Ficus Benjamini. Auf dem hellbraunen Parkettboden unter seinen Zweigen sammeln sich einige vertrocknete Blätter. Der Fensterfront gegenüber: das Lehrerpult, um das sich in U-Form Tische reihen. Auf einem liegt ein gelbes, mit Kugelschreiberlinien bemaltes Benjaminiblatt.

Plötzlich geht die Tür auf und eine junge Frau kommt freundlich lächelnd herein. Leuchtend rote Strickjacke, farblich passende Strumpfhose, ein schmaler Jeansrock. Zielstrebig setzt sie sich auf den zweiten Platz links vorne neben das Lehrerpult.

Dorota Wasiak ist eine von neunzehn Studentinnen und Studenten des dritten European Project Semesters (EPS) an der Fachhochschule Kiel. Zusammen mit neun weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus verschiedenen Nationen besucht sie den Deutschkurs für Fortgeschrittene bei Gabriele Braun, heute bereits zum dritten Mal. Denn Deutsch braucht sie, um in den folgenden fünf Monaten im Alltag in Kiel zurechtzukommen. Außerdem stehen u. a. Business Planning und Project Management auf dem Lehrplan - als Vorbereitung für das anschließende englischsprachige Projekt in einem regionalen Unternehmen.

Dorota Wasiak packt ihre Sachen aus: ein polnisch-deutsches Wörterbuch, eine grüne Grundstufengrammatik, eine lederne Federtasche, mehrere handgeschriebene Zettel. Eine junge Frau mit zurückgebundenem lockigem Haar betritt den Raum und nimmt neben ihr Platz. „Ela und ich studieren seit vier Jahren an der Technischen Universität in Lodz/Polen Management und sind eng befreundet“, erzählt die 24-jährige Dorota Wasiak.

Nach und nach trudelt auch der Rest der Gruppe ein. Clément Sénéchault, Mechanik-Student aus dem südfranzösischen Tarbes, erinnert mit seinen dunklen Haaren und der Brille ein wenig an Harry Potter. Ümet Güneş aus Istanbul macht es sich auf einem Platz in der Ecke gemütlich. Konradas A. Kindsfater aus Litauen bietet den anderen von seiner leckeren Vollmilchschokolade an. Er sieht das vertrocknete Benjaminiblatt auf dem Tisch und schmunzelt: „Das habe ich letzte Woche bemalt. Da war es noch grün.“

Der Raum ist erfüllt von fröhlichen Gesprächen, raschelnden Unterlagen und herzlichem Gelächter, die Stimmung ist locker und entspannt. Fünf Nationen sind nun versammelt – mehr kommen heute nicht. Es kann also losgehen.

Zu Hause haben alle ein selbstgewähltes Thema vorbereitet, um es den anderen auf Deutsch zu präsentieren. Das kostet Mut, fällt in dieser sympathischen Runde aber nicht allzu schwer. Der 21-jährige Clément Sénéchault freut sich: „Weil wir eine sehr kleine Gruppe sind, lerne ich hier schnell besonders viel dazu. Wenn ich Hilfe dabei brauche, die richtigen Worte zu finden, kann ich ohne Scheu einfach nachfragen.“ Er beginnt und stellt typische französische Wintergerichte vor. Fällt ihm ein Begriff nicht ein, improvisiert er eben, gestikuliert oder malt das Gesuchte kurzerhand an die Tafel. Mit Händen und Füßen beschreibt er die Zubereitung von Cassoulet, Pot-au-feu und Tartiflette. In seinem Enthusiasmus wechselt Clément Sénéchault zwischen Deutsch, Englisch und Französisch, ohne es zu merken. „Es ist sicher schwierig, in einem fremden Land zu sein und von heute auf morgen gleich zwei Fremdsprachen, Englisch und Deutsch, kombinieren zu müssen“, räumt die Dozentin Gabriele Braun ein, ermahnt ihren Schüler jedoch freundlich: „Sie sollten trotzdem versuchen, beim Deutschen zu bleiben.“

Nach der mitreißenden Einführung in die französische Küche spart die Gruppe nicht mit Lob. Sie sind zwar jetzt alle hungrig, jedoch vor allem begeistert davon, wie gut Clément Sénéchault das schwierige Thema gemeistert hat.

Nach der Praxis kommt die Theorie: Grammatikhausaufgaben zu Wortbildungen und Adjektiven. Es geht der Reihe nach, jeder muss mal antworten. Clément ist sich nicht ganz sicher: „Fahren – der Fahrer. Empfehlen – der Empfehler?“ Dorota Wasiak kennt die richtige Antwort und hilft ihm gern: „Empfehlen – die Empfehlung.“ Sie sind alle hier, um zu lernen, und helfen sich gegenseitig, wo es möglich ist.

Dann steht die nächste Präsentation an. Dorota Wasiak und Ela Wojcik zeigen den anderen mit Hilfe einer farbenfroh-animierten Powerpoint-Präsentation, wie sie in Polen ihre Freizeit verbringen. Spaziergänge, Reisen, Partys – alles dokumentiert mit lustigen Privatfotos.

Dorota Wasiak fällt das Sprechen nicht ganz so schwer; sie hat in Polen vier Semester lang Deutsch gelernt. „Es ist aber etwas ganz anderes, sich mit unserem polnischen Dozenten zu unterhalten, der extra langsam und deutlich spricht, als hier beispielsweise ein Busticket zu kaufen“, erklärt sie. „Die grammatikalischen Regeln beherrsche ich vielleicht ganz gut, mein Problem sind eher die fehlenden Vokabeln.“

Clément Sénéchault kennt das und hat eine pragmatische Art und Weise gefunden, mit solchen Notsituationen umzugehen. „Praktischerweise lebe ich hier in Kiel im Studentendorf mit drei deutschen Studentinnen und Studenten zusammen. Bis jetzt waren alle immer sehr hilfsbereit. Wenn ich mal nicht weiter weiß, rufe ich einfach laut ‚Hello, I am lost!‘“, demonstriert er laut.




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