„Provozieren Sie die Leute, etwas zu tun, was sie sonst nicht tun würden.“

Kiel, 06.05.2010

„Provozieren Sie die Leute, etwas zu tun, was sie sonst nicht tun würden“, empfahl Georg Stefan Troller vorgestern (04. Mai 2010) in seinem Workshop zum Thema „Dokumentarfilm“ im Rahmen der Interdisziplinären Wochen. Drei Stunden lang lauschten über zwanzig Studierende der FH Kiel gebannt den Worten des berühmten Dokumentarfilmers und erhielten wertvolle Ratschläge gespickt mit faszinierend-erschütternden Erfahrungsberichten, aufgelockert durch humorvolle Anekdoten. Und obwohl Troller betonte, lieber zu früh als zu spät dran zu sein und bis zur Abfahrt seines Zugs nur wenig Zeit blieb, erklärte er sich gerne bereit zu einem kurzen Interview.

KJ (Katja Jantz): Wie kommt es, dass Sie an den Interdisziplinären Wochen teilnehmen?

GST (Georg Stefan Troller): Ich bin von Peter Hertling vom Fachbereich Medien dazu eingeladen worden. Solche Workshops veranstalte ich gerne. Morgen fahre ich nach Berlin und mache einen zweitägigen Workshop, auch mit jungen Filmemachern. Das ist eine Sache, die mir liegt.

Georg Stefan Troller
Lebt in Paris: Georg Stefan Troller (Fotos: Richard Hoppe)

KJ: Seit 1949 leben Sie in Paris. Halten Sie sich dort auch am liebsten auf? Sie haben ja schon viel von der Welt gesehen...

GST: Also, das kann ich jetzt nicht genau sagen. Ich fühle mich an verschiedenen Orten wohl, aber ein Heimatgefühl gibt es ja nicht mehr. Ich fühle mich wohl, wenn ich mit meiner Familie zusammen bin. Ich fühle mich wohl, wenn ich etwas mache, beispielsweise einen Film gemeinsam mit Freunden oder ein Buch für einen Verlag. Ja, dann fühle ich mich wohl.

Aber dass es einen Ort gibt, an dem ich mich besonders wohl fühle... Viele Orte haben ihre wunderbaren Eigenschaften. Paris ist eben ein Ort, wo man sich schön aufregen kann, wo die Leute immer aufgeregt sind, wo man sich lebendig fühlt – manchmal auch im negativen Sinn. Wo man sich nicht langweilt, wo immer etwas Neues passiert. Stendhal hat doch gesagt, die Pariser interessieren sich begeistert und hingerissen für alles – aber nur drei Tage lang. Und wer am vierten Tag davon anfängt, ist ein Langweiler. So ist Paris! Und das ist verblüffend, aber auch anregend. Es wird unauffällig etwas Neues gemacht und erfunden, die Leute sind begeistert darüber, es wird in den Medien darüber berichtet, als ob dies das Millennium wäre – und dann ist es aus, und es kommt jemand anderer, es kommt etwas Neues – auch okay.

KJ: Sie haben in Ihrem Leben schon sehr viel erreicht. Welche Eigenschaften haben Sie so weit gebracht?

GST: Ich weiß es letztlich nicht. Das, was ich sein wollte, bin ich bestimmt nicht geworden. Aber das, was ich sein konnte, bin ich möglicherweise geworden. Das, wozu ich halbwegs eine Begabung hatte, das hat sich letztlich durchgefressen, durchgearbeitet - bis es mich dahin brachte, wo ich sein wollte.

Ich glaube daran, dass wir alle ganz unbewusst etwas in uns tragen, und wenn wir uns dem Unbewussten überlassen können und die Gelegenheit haben, ihm seine Chance zu geben, dann werden wir zu dem, was unser Unbewusstes eigentlich mit uns vorhatte - keineswegs das, wovon wir glaubten, dass es unser Ziel und Zweck wäre.

Das Unbewusste in mir wollte, dass ich nach Europa zurückgehe. Es wollte, dass ich in Paris wohne. Es wollte, dass ich Filmemacher werde und es wollte, dass ich Portraitfilme mache. Und es hat gesprochen, ohne dass ich es beabsichtigt habe, ohne dass ich dieses Ziel bewusst angestrebt habe. Wer das kann, wer seinem Unbewussten – und dazu gehören natürlich auch die äußeren Umstände – Raum geben kann, das aus einem zu machen, was ES will, der ist möglicherweise am glücklichsten.

KJ: Haben Sie einen beruflichen Wunsch, der sich für Sie bisher noch nicht erfüllt hat?

GST: Wissen Sie, für so etwas bin ich inzwischen zu alt. Ich glaube jetzt nicht mehr, dass noch tolle Sachen auf mich zukommen, die ich bisher nie gemacht habe. Aber ich möchte gerne, dass meine Töchter glücklich sind, dass sie heiraten, dass sie mir Enkel bescheren...das ist doch was.

KJ: Was würden Sie einem angehenden Journalisten heutzutage mit auf den Weg geben?

GST: Er muss versuchen, seinem eigenen Unbewussten auf die Spur zu kommen und das zu machen, was das Unbewusste von ihm will. Wer nur glaubt, sich dem Markt oder der Mode anpassen und das machen zu müssen, was alle wollen, der wird nie glücklich sein.

Auch der Journalist ist eine Art Künstler und muss das, was wirklich an ihm nagt und zu ihm spricht, zu verwirklichen suchen. Aber erst einmal muss er erraten, was es ist. Das ist nicht so einfach. Auch der Journalist kann sich realisieren, sich verwirklichen, genau wie der Filmemacher, der Maler oder der Schauspieler. Aber eben nicht, indem er glaubt, das machen zu müssen, was alle von ihm verlangen. Er muss die Härte und das Aufbegehren haben zu sagen: So nicht! Ich mache das nicht! Ich mache das, was ich wirklich will! Und wenn er halbwegs Glück hat, passiert es, dass genau das gefragt wird. Dann sagen alle Leute: Du hast ja nur das gemacht, was gefragt war. Aber – er hat es GESCHAFFEN.

KJ: Das muss leider meine letzte Frage gewesen sein, damit Sie auch noch Ihren Zug erwischen. Vielen Dank und eine gute Reise!

GST: Ich danke Ihnen. Lächelnd wendet er sich an Peter Hertling, der ihn zum Bahnhof bringen soll, und schmunzelt: Jetzt hauen wir ab!

Kurzbiographie  

Georg Stefan Troller wurde am 10. Dezember 1921 in Wien geboren. Mit 16 Jahren flüchtete er vor den Nazis über mehrere Stationen in die USA und stand von 1943 - 1946 als Soldat im amerikanischen Kriegsdienst.
Nach seinem Studium der Anglistik und der Theaterwissenschaft kehrte er 1949 nach Europa (Paris) zurück. Zunächst als Radioreporter tätig, entdeckte er kurze Zeit später auch das Fernsehen für sich und wurde u. a. mit der WDR-Produktion „Pariser Journal“ und als ZDF-Sonderkorrespondent mit der Reihe „Personenbeschreibungen“ weltberühmt.  

Sein jahrzehntelanges Engagement als Dokumentarfilmer, Journalist, Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur wurde mit mehr als 20 nationalen und internationalen Auszeichnungen belohnt, darunter mehrfach der Adolf Grimme Preis in Gold, die Goldene Kamera, ein Bambi sowie eine Oscar-Nominierung. Georg Stefan Troller ist Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse.




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  Diese Seite wurde zuletzt am  12.01.2018  aktualisiert