„Man tritt einen Schritt vor, mitten in das Medium hinein, um es zu erleben."

Kiel, 21.10.2010

„Man tritt einen Schritt vor, mitten in das Medium hinein, um es zu erleben“, beschreibt Dr. Patrick Kruse den Begriff Immersion. Auf der interdisziplinären Illusion-Immersion-Involvement-Konferenz (30. Oktober 2010) wird der studierte Literatur- und Medienwissenschaftler und neue Dozent am Fachbereich Medien in das Thema einführen.
Patrick Kruse
Möchte den Begriff Immersion greifbarer machen: Dr. Patrick Kruse (Foto: privat)

KJ (Katja Jantz): „Immersion“ – die Vermischung von Fiktion und Realität – ist einer Ihrer wissenschaftlichen Schwerpunkte. Am 30. Oktober 2010 halten Sie im Rahmen der ersten interdisziplinären Konferenz Illusion-Immersion-Involvement den Vortrag „Immersion – Ein Begriff und seine Definition“. Was erwartet Ihre Hörerinnen und Hörer?

PK (Patrick Kruse): Viele unterschiedliche Fachrichtungen beschäftigen sich mit Immersion, u. a. die Physik, die Linguistik, die Architektur oder auch die Didaktik. In meinem Vortrag möchte ich darlegen, ob andere Disziplinen den Begriff ähnlich wie die Medienwissenschaften definieren oder ob sie ein ganz anderes Verständnis davon haben.

Grundlegend geht es bei diesen Definitionen um die Frage, was wir unter dem Begriff Immersion verstehen. Meistens wird Immersion mit „Eintauchen“ übersetzt, aber reicht dieses Wort von seiner Bedeutung her aus? Kann man in einen Film oder in ein Buch eintauchen? Was genau bedeutet das und wie funktioniert es? Ich möchte den Begriff Immersion greifbarer machen und verdeutlichen, was uns im Fachbereich Medien daran interessiert – wie wir den Begriff der Immersion z. B. für verschiedene Konzepte und Medien, für angewandte Forschung nutzbar machen können. Wir können hier wichtige Grundlagenarbeit leisten.

KJ: Die Immersion umfasst viele Themenbereiche, wie 3-D-Filme, Computerspiele, Fulldome-Projektion, Breitbildkinoformate, Architektur, technische Innovation, sprachliche, erzähltheoretische und sozio-historische Dimensionen. Haben Sie ein Spezialgebiet?

PK: Mein Interesse geht u. a. stark in den kognitionspsychologischen Bereich hinein. Ich untersuche die Frage, welche Prozesse im Menschen beim Rezipieren verschiedener Medien ablaufen, z. B. wenn sich jemand einen Film anschaut oder ein Buch liest.

Außerdem befasse ich mich mit philosophischen Implikationen. Wie wirkt sich die Auseinandersetzung mit dem Immersionsbegriff auf philosophische Fragestellungen aus, bei denen es um Verstehensprozesse geht, die ja sehr viel mit Distanz zu tun haben? Dort geht es oft darum, einen Schritt zurückzutreten, um etwas zu sehen und analysieren zu können.

Bei der Immersion ist es umgekehrt: Man tritt einen Schritt vor, mitten in das Medium hinein, um es zu erleben. iPads mit ihren Touchscreens sind ein gutes Beispiel für diese Entwicklung: In der heutigen Zeit arbeiten wir viel direkter mit unseren Kommunikationsmitteln, als es früher der Fall war. Wir gehen immer dichter an sie heran, berühren sie sogar und greifen scheinbar unmittelbar taktil in die virtuelle Welt ein.

KJ: Sie haben an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) Neuere deutsche Literatur und Medien studiert. Aus welchen Gründen haben Sie sich für dieses Studium entschieden?

PK: Ehrlich gesagt habe ich erst Chemie studiert, weil ich immer naturwissenschaftlich interessiert war. Aber auch mit Literatur, ihrer Interpretation und dem Schreiben eigener Texte habe ich mich schon zu Schulzeiten gerne beschäftigt. Als ich während meines Chemiestudiums merkte, dass dieses Studium nicht zu mir passt, habe ich mich gefragt, was mir besonders viel Spaß machen würde. Also habe ich einfach auf mein Bauchgefühl gehört und mich für meine Leidenschaft zu Literatur und Filmen entschieden.

KJ: Im vergangenen Semester waren Sie als Lehrbeauftragter am Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien der CAU tätig. Was hat Sie nun hierher verschlagen?

PK: Ich bin durch meinen Doktorvater an der CAU, Hans Jürgen Wulff, auf den für mich sehr reizvollen Forschungsbereich immersive Medien aufmerksam gemacht geworden und habe mich im Rahmen des Jahrbuchs immersiver Medien auch schon im Vorfeld an der FH eingebracht. Meine Arbeit als Dozent hier gibt mir die Möglichkeit drei meiner wissenschaftlichen Schwerpunkte – Bildtheorie, Empathie und Immersion – hervorragend miteinander zu verknüpfen.

Bei der Bildtheorie geht es mir vor allem darum, wie man den Bildbegriff – der bis jetzt vor allem als ein statischer behandelt worden ist – des bewegten Filmbildes greifen kann. Die Ansätze, die wir bis jetzt an der CAU erarbeitet haben, reichen aber z. B. für Bilder, wie sie im Mediendom gezeigt werden, noch nicht aus.

Als deutschlandweit einziges an eine Hochschule angegliedertes Forschungslabor für immersive Kuppelprojektionen bietet der Mediendom ganz neue Herausforderungen an die Bildtheorie. Hier haben wir es mit einem Raumbild zu tun, das sich nicht flach vor dem Rezipienten befindet, sondern ihn umringt – fast wie eine räumliche Installation. So muss zum einen das Bild anders gestaltet werden, zum anderen wird vom Zuschauer eine Umstellung seiner Bildsehgewohnheiten verlangt. Damit einhergehend verlangt die theoretische Erfassung des Phänomens Bild eine Rekonzeptualisierung. Ich möchte neben dem Lehren das Forschen nicht vergessen und dazu bieten sich mir hier großartige Bedingungen.

KJ: Welche Unterschiede bemerken Sie zwischen Ihrer ehemaligen Tätigkeit an der Universität und Ihrer jetzigen Arbeit an der Fachhochschule?

PK: Auch wenn man allgemein sagen kann, dass die Unterschiede zwischen Hochschule und Fachhochschule immer mehr verwischen, war die größte Umstellung für mich der Sprung von der Theorie zur Praxis. Ich – als stark theorieorientierter Mensch – leite nun plötzlich praktische Arbeit an und muss dabei immer im Hinterkopf behalten, wie die theoretischen Inhalte, die ich vermittle, letztendlich praktisch umgesetzt werden können. Denn vor allem dieser Punkt interessiert die Studierenden. Es macht mir wirklich viel Spaß, diese Transformationsleistung zu vollbringen und meine theoretischen Überlegungen stärker auf ihrer Anwendungsrelevanz hin zu überprüfen.

Vor einiger Zeit habe ich an der FH einen kurzen, sehr theoretischen Vortrag über meine Dissertation zum Thema Empathie und Film bei Prof. Tobias Hochscherf gehalten. Was mir schon damals sofort auffiel, kann ich heute bestätigen: Die Studierenden arbeiten sehr gut mit und reagieren unglaublich schnell auf das, was man sagt. Ansonsten sind die Kurse kleiner und der Stundenplan ist flexibler – bei Bedarf werden die Lehrveranstaltungen auch mal umgelegt.

KJ: Stichwort Lehrveranstaltungen. Was wollen Sie den Studierenden vermitteln?

PK: Ich würde sie gerne mit theoretischen Grundlagen versorgen, durch die sie hoffentlich neue Ideen oder Inspirationen für ihre praktische Arbeit gewinnen. Es ist mir wichtig, ihnen aufzuzeigen, dass es sich lohnt und dass es sogar Spaß machen kann, sich mit theoretischen Aspekten auseinanderzusetzen, die auf den ersten Blick vielleicht nur bedingt Einfluss auf ihre praktische Arbeit haben.

Das fängt schon auf ganz basaler Ebene an. So lässt sich z. B. mit einem unscharf definierten Begriff einfach nicht gut arbeiten. Das Wissen, dass Immersion „Eintauchen“ bedeutet, hilft mir zunächst nicht viel – weder für die Theorie noch für die Praxis. Wenn ich aber konkret weiß, welche anderen Komponenten dazugehören und wie ich diese begrifflich fassen kann, kann ich diese Erkenntnisse gezielt auf meine Arbeit anwenden und somit beispielsweise die Wirkung meiner Filme intensivieren oder Internetauftritte optimieren.

KJ: Gemeinsam mit Ihrem Kollegen Björn Högsdal haben Sie 2002 die Veranstaltungs- und Künstleragentur assemble ART gegründet, die der größte Veranstalter von Poetry Slams in Norddeutschland ist. Welchen Stellenwert hat Poetry Slam in Ihrem Leben?

PK: Poetry Slam ist meiner Meinung nach eine sehr immersive Art der Literatur – Poetry Slam haucht der Sprache Leben ein. Einen Text von Goethe zu lesen oder durchzuarbeiten, macht den meisten wenig Spaß. Fängt man aber an, ihn laut zu sprechen und dessen Rhythmus und Sprachklang zu fühlen oder sieht man einen Künstler vor sich auf der Bühne, der sich bewegt, gestikuliert und so viel mehr Sinne anspricht als der Text allein, kann er auf einmal unglaublich viel Spaß machen.

Die meisten Slam-Texte entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn sie gesprochen bzw. performt werden. Ich finde es unglaublich, was für eine Macht Poetry Slam hat – er kann Lesemuffel aktivieren und für Literatur begeistern. Obwohl ich aus Zeitgründen selbst nicht mehr richtig aktiv bin, ist Poetry Slam etwas, das ich mir regelmäßig und immer wieder gerne anschaue. Und jedes Mal nehmen mich die Texte so gefangen, dass ich es bereue, keinen Text zur Hand zu haben, um selbst auf der Bühne stehen zu können.

Kurzbiographie

seit September 2010 Dozent am Fachbereich Medien der Fachhochschule Kiel

Februar 2010 Promotion zum Thema „Über das Filmbild hinaus... Das Repräsentations-Komponenten-Modell der Empathie und die Präsenz des Absenten“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

April 2009 – Oktober 2010 Lehrbeauftragter am Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

2002 Gründung der Kieler Veranstaltungs- und Künstleragentur assemble ART

SoSe 1998 – SoSe 2004 Magisterstudium der Neueren deutschen Literatur- und Medien an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

WiSe 1997/98 Studium der Chemie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel




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  Diese Seite wurde zuletzt am  12.01.2018  aktualisiert