Müll (has) to go

FH tritt Wegwerf-Kaffeebecher-Kultur in die Tonne

Kiel, 26.09.2011

Überquellende Abfalleimer, zugemüllte Sitzreihen, haufenweise verschmutzte Pappbecher! Solche Bilder verbindet man eher mit Bahnhöfen oder verlassenen S-Bahn-Haltestellen als mit einem Hochschulcampus. Zum Alltag an der FH Kiel gehören sie trotzdem: Abgefüllt mit Cappuccino und Co. wandern pro Jahr rund 100.000 Pappbecher über die Tresen von Mensa und Cafeteria, überschwemmen die Papierkörbe oder landen daneben. Für viele ein Ärgernis, das in Zukunft aber hoffentlich der Vergangenheit angehört.
Ramona Ötting und Martin Stoltmann
Martin Stoltmann, Ramona Ötting und jede Menge Müll: Rund 100.000 Einwegbecher wandern jedes Jahr über die Tresen von Mensa und Cafeteria. Damit wollten die beiden sich nicht abfinden und entwickelten einen wiederverwendbaren „Becher-to-go".

Martin Stoltmann konnte kaum glauben, was er sah. Neu eingeschrieben im Bachelorstudiengang Multimedia Production stolperte er Tag für Tag über pappvolle Mülleimer in zugemüllten Seminarräumen. Überall lagen sie herum: benutzte Einwegbecher. Da muss sich etwas ändern, dachte Martin Stoltmann. Er erinnerte sich an seinen Aufenthalt in Norwegen, wo er eineinhalb Jahre gelebt und gearbeitet hatte – und wo ihm eine Alternative zu dem „Pappmüll-to-go“ begegnet war. Dort gibt es nämlich eine Art Kaffeeflatrate: Wer bei Statoil einen Mehrwegbecher kauft, kann ihn das komplette Kalenderjahr an jeder Statoil-Tankstelle wieder auffüllen: „Kostenlos nachschenken statt sinnlos wegwerfen“ heißt die ressourcenschonende Devise.

Wenn das in Norwegen funktioniere, warum dann nicht auch hier auf dem Campus, fragte sich Martin Stoltmann und sprach seine Dozentin Prof. Heidi Kjär an. „Machen Sie doch ein Projekt daraus“, schlug diese spontan vor und verwies ihren Studenten an die Pressestelle. Hier stieß Martin Stoltmann auf offene Ohren – denn FH-Pressesprecherin Frauke Schäfer stört diese Wegwerfmentalität schon lange.

Und nicht nur sie. Auch Uwe Bothe nerven die herumliegenden Becher. Als Leiter der Bau- und Liegenschaftsabteilung kämpft er seit Jahren gegen wachsende Müllberge und damit steigende Kosten. „Wir entsorgen jährlich etwa 900.000 Liter Restmüll“, stöhnt er. „Ich kann es natürlich nicht auf den Cent genau beziffern, aber wir geben dafür pro Jahr rund 28.000 Euro aus.“ Hinzu kommen die Reinigungskosten: Im Jahr 2010 die stolze Summe von 360.000 Euro, immerhin ein Viertel der Gesamtbetriebskosten. Mit der wachsenden Studierendenzahl wird auch das Müllproblem immer größer.

„Natürlich könnten wir wieder mehr Mülleimer aufstellen und häufiger reinigen, aber das löst unser Problem nicht wirklich“, ist Uwe Bothe überzeugt. Er wünscht sich vielmehr, dass alle einfach mal ein bisschen mehr nachdenken und die Becher bestenfalls platzsparend ineinanderstecken, zumindest aber in den Mülleimer werfen, anstatt daneben.

Ramona Ötting und Martin Stoltmann
Gehen gegen den Müll vor: Ramona Ötting und Martin Stoltmann.

„Zu Hause landet der Müll schließlich auch im Eimer und nicht auf dem Wohnzimmerteppich“, meint Uwe Bothe. Er vermutet, dass viele Studierende keine echte Beziehung zur Hochschule aufbauen, sie nur als Durchgangsstation empfinden und so eine „Ist mir doch egal“-Haltung entwickeln, die das Campusleben negativ prägt.

Martin Stoltmann sieht das anders und ist damit nicht alleine. In seiner Kommilitonin Ramona Ötting fand er schnell eine engagierte und kreative Projektpartnerin. Im Auftrag der Pressestelle suchten die beiden einen passenden Thermobecher für ihr Projekt und wurden schon bald fündig. „Ich hatte mehrere Entwürfe zur Gestaltung mit verschiedenen Slogans und Tassenmotiven gemacht. Entgegen meiner Erwartungen kamen die bei meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen nur schlecht an. Sie wollten nicht irgendein austauschbares Bild auf dem Becher, sondern einen direkten Bezug zu ihrer Hochschule. Das hat mich dann doch überrascht, aber Ramona und ich habenschnell etwas Neues entwickelt“, erklärt Martin Stoltmann.

Und so wird künftig neben der grünen Silhouette des dampfenden Kaffeebechers das blaue FH-Logo den neuen FH Kiel-Thermobecher schmücken. Den bekamen übrigens die „Erstis“ zum Wintersemester 2011/12 als Willkommensgruß von der Hochschule geschenkt. Alle anderen können den Becher im Campusshop (Poststelle im Sokratesplatz 1) oder der Mensa für fünf Euro kaufen.

Die Investition lohnt sich. Angestoßen u. a. von der FH-Aktion hat auch das Studentenwerk Schleswig-Holstein den überbordenden Becherbergen den Kampf erklärt. Es führt landesweit einen eigenen Thermobecher ein und erhöht ab dem 1. Oktober 2011 den Preis für Heißgetränke im Wegwerfbecher um 10 Cent. Gute Nachrichten für alle, die keine Lust haben, inmitten von Müll zu studieren und zu arbeiten.

Text: Miriam Linke / Frauke Schäfer




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  Diese Seite wurde zuletzt am  03.04.2018  aktualisiert