Jugend und Jugendforschung – Alle reden über ‚die Jugend‘ aber es gibt sie gar nicht

Erstellt von Prof. Dr. Melanie Groß

Eine zentrale Erkenntnis der Jugendforschung stammt aus dem Jahre 1975 und geht auf den Soziologen Erwin Kurt Scheuch zurück: „Die Jugend gibt es nicht“. Jugendliche sind genauso unterschiedlich wie Erwachsene. Es sind allein strukturelle Gemeinsamkeiten, wie Armuts- und Reichtumsverteilung, Geschlechtergerechtigkeit oder die Staatsform unter denen sie aufwachsen sowie gemeinsame historische Erfahrungen innerhalb ihrer Biographien, die Jugendliche auf spezifische Weise prägen und sie zu einer Gruppe machen können: So beispielsweise die Erfahrung der Corona-Pandemie während der Schulzeit in diesem Jahr, der Mauerfall 1989 oder auch die Protestbewegungen der 1968er-Generation.

Doch selbst solche prägenden Ereignisse erfahren unterschiedliche Jugendliche auch ganz unterschiedlich und sie haben jeweils andere Folgen für die Lebensgeschichten der Einzelnen. So macht es einen großen Unterschied, ob ich als Kind oder Jugendliche*r im sogenannten Lockdown in der Corona-Pandemie wochenlang in engen Wohnverhältnissen in der Stadt ausharren musste, ohne Zugang zu eigenen medialen Geräten, die als Link zu Freund*innen und zur Schule genutzt werden konnten; oder ob ich in einem reicheren Vorort lebe, ein eigenes Zimmer und Zugang zu einen Garten habe und mich auch hin und wieder von meinen gestressten Home-Office-Eltern zurückziehen konnte. Es macht einen Unterschied, ob ich als Geflüchtete*r in engen Wohnverhältnissen in Erstaufnahmeeinrichtungen lebe, ob ich in einem reichen oder armen Haushalt groß werde, ob ich psychisch gesunde oder erkrankte Eltern habe, ob ich als queere oder trans* Jugendliche im Elternhaus anerkannt bin oder auf den unterstützenden Kontakt zu Gleichaltrigen und Gleichgesinnten außerhalb des Elternhauses angewiesen bin.

Obwohl es also keine ‚eine‘ Jugend gibt, erleben wir es immer wieder, dass Bilder und Vorstellungen über ‚die‘ Jugend zirkulieren. Ein beliebtes Bild ist das der ‚Jugend als Problem‘, das der Forscher Benno Hafeneger 1995 prägte. So ist die Jugend angeblich nie fauler, nie desinteressierter, nie unpolitischer, nie stilloser gewesen als die jeweiligen Erwachsenen es denken. Interessanterweise verrät dieses Bild jedoch mehr über die Erwachsenen als über die Jugendlichen. Erziehungswissenschaftler  Dieter Baacke stellte 2007 fest, dass die Geschichten über die Jugend immer auch ‚Projektionsgeschichte(n)‘ sind. Erwachsene haben unter anderem seit Generationen die Sorge, dass die nachwachsende Generation ihre Art zu leben in Frage stellt oder gar über Bord wirft. Und dieses Bild von der Jugend lässt sich historisch sehr weit zurückverfolgen. Selbst Aristoteles war frustriert von den Jugendlichen – wir befinden uns also in guter Gesellschaft.

Für die Jugendforschung und die Kinder- und Jugendarbeit ist es jedoch zentral, genauer hinzuschauen und sich auch die Frage zu stellen, was ungesagt bleibt, wenn von ‚der Jugend‘ als Problem gesprochen wird. Wenn beispielsweise über Fridays-for-Future-Aktionen nur dann geredet wird, weil Kinder und Jugendliche Schulzeit verpassen, statt dass intensiv über das berechtigte Anliegen einen Anspruch auf ihre Zukunft in einer lebenswerten Umwelt debattiert wird und nach konkreten Lösungen gesucht wird. Kinder- und Jugendarbeit im Kontext der Sozialen Arbeit oder auch der Kindheitspädagogik stellt die Anliegen ihrer Zielgruppe in den Vordergrund. Sie ermöglicht Kindern und Jugendlichen, ihre eigenen Wege in ein Leben zu suchen und zu finden, die sie selbst wählen möchten. Sie begleitet sie, gestaltet Bildungsprozesse, die sich als Persönlichkeitsbildung von der Schulbildung unterscheidet. Sie lebt und vermittelt demokratisches Miteinander, Emanzipation und gemeinschaftliches verantwortungsvolles Handeln.

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