„Das Studium sollte kein Wettkampf sein“ - Im Gespräch mit Gastprofessor Mikhail Nemilentsev

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Wer sich wundert, warum ein Professor aus Finnland so wenig Umlaute in seinem Namen hat – geboren und aufgewachsen ist Mikhail Nemilentsev in Sankt Petersburg. Dort unterhielt seine Familie einen Restaurierungs- und Metallarbeiten-Betrieb, den sie Anfang der 2000er Jahre, einige Jahre nach dem Fall der Sowjetunion, aufbaute.

„Davor waren Unternehmen in privater Hand nicht erlaubt“, erinnert sich der 35-Jährige an das kommunistische Regime. Danach haben sich die Nemilentsevs schnell einen Namen in der Branche aufgebaut: „Unsere Firma war sehr gefragt, in der Stadt bekannt und genoss einen guten Ruf“, erzählt Nemilentsev. So ist es nicht verwunderlich, dass er auch im handwerklichen Aspekt der täglichen Arbeit mit eingebunden war und heute noch über entsprechende Fähigkeiten verfügt.

Sein Interesse galt allerdings eher wirtschaftlichen Fragen, und so kam es, dass er sein Wirtschaftstudium in Sankt Petersburg, in dem sich speziell mit Familienbetrieben beschäftigte, im Nachbarland Finnland fortsetzte.

Dort lebt er bis heute, spricht die Sprache, besitzt die Staatsbürgerschaft zusätzlich zur russischen Staatsbürgerschaft und lehrt an der noch jungen Hochschule Xamk 150 Kilometer nordöstlich von Helsinki, einem der vier Campus in vier verschiedenen Städten. Was ihm dort besonders gefällt, ist die Internationalität der Hochschule: „Wir haben viele Studierende aus dem Ausland, die bei uns ihr Studium auf Englisch absolvieren“, erzählt der Professor. „Finnland ist überhaupt ein sehr internationales Land“, führt er weiter aus und verweist auf ein durch EU-Mittel gefördertes Projekt, in welchem Studierende und ihre Dozierenden Neuankömmlingen im Land helfen, ihre Geschäftsideen zu verwirklichen.

„Wir versuchen, Jung-Unternehmer mit dem Geschäftssinn unserer Studierenden zusammen zu bringen“, sagt Nemilentsev. Er ist überzeugt, dass Einwandernde viel Potential und vor allem gute Ideen mitbringen, von denen Finnland profitieren kann: „Wir helfen, diese Ideen in die Tat umzusetzen.“ Das Resultat: Viele neue Unternehmen, die ihren Inhabern und Inhaberinnen helfen, im Land anzukommen und praktischen Bezug für teilnehmende Studierende bieten.

Finnland ist auch deshalb ein beliebtes Ziel für Studierende aus dem Ausland, weil flache Hierarchien für einen entspannten Studienalltag sorgen. „Der Umgangston in Xamk ist sehr persönlich und entspannt, Lehrende und Studierende haben ein fast freundschaftliches Verhältnis zueinander“, beschreibt der Professor die Atmosphäre. Er selbst saß zur Vorbereitung auf seinen Alltag an der Fachhochschule Kiel in Xamk in einem Deutschkurs – zusammen mit einigen seiner Studierenden.

„Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr lerne ich die deutsche Sprache“, erklärt Nemilentsev sein tadelloses Deutsch. Zum ersten Mal ist er im Jahr 2000 in Lübeck gewesen – damals als Mitglied eines Orchesters. Danach war er noch in Frankfurt am Main, München, Hamburg und Lübeck. Nach Kiel kam er im August vergangenen Jahres zum ersten Mal.

Auf die Fachhochschule Kiel haben ihn Prof. Dr. Rune Gulev, Prof. Dr. Marco Hardiman und Prof. Dr. Ruth Boerckel vom Fachbereich Wirtschaft gebracht, wo er seit August letzten Jahres die Lehre im Bereich International Business unterstützt. Professor Gulev war selbst als Gastprofessor in Finnland tätig, zusammen mit Nemilentsev hat er unter anderem das Modul ‚Intercultural Management‘ und ‚Strategic Management‘ in Xamk unterrichtet. Die gelungene und freundliche Zusammenarbeit der beiden war für den finnischen Professoren Anliegen, um sich auf die Gastdozierenden-Stelle in Kiel zu bewerben.

Online-Lehre, wie sie seit Pandemiebeginn en vogue ist, schließt für Nemilentsev nicht den Lernerfolg aus. Im Gegenteil: „Dass einige Veranstaltungen über den Bildschirm liefen, finde ich zwar insofern schade, dass ich meine Studierenden nicht persönlich habe kennenlernen dürfen, aber Online-Vorlesungen und -Seminare öffnen das Angebot auch für mehr Teilnehmende.“ In Xamk gehören Online-Kurse zur Regel – so können internationale Studierende aus der ganzen Welt an der Hochschule lernen.

Länder- und kulturübergreifende Lehre ist Nemilentsev ein besonderes Anliegen: „Ich würde es sehr begrüßen, wenn mehr Studierende aus Kiel an meine Heimathochschule kämen.“ Deshalb setzt er sich als Verantwortlicher an seinem Fachbereich für Hochschul-Zusammenarbeiten dafür ein, dass künftig ein Doppelabschluss die Kooperation der zwei Hochschulen weiter verfestigt und zusätzlich Anreize zum Finnland-Aufenthalt schafft.

„Neben den Inhalten unserer Module, erleben die Studierenden bei uns die finnische Natur in unmittelbarer Nähe der Campus“, schwärmt er. Die Hochschule Xamk hat vier Standorte in Kotka, Kouvola, Mikkeli und Savonlinna. Von dort aus ist es jeweils nur ein kurzer Weg in Nadelwälder und an Seen, von denen es in Finnland eine ganze Menge gibt.

Das Naturerlebnis und die finnische Mentalität färben auf das Gemüt der Studierenden ab: „In Finnland stehen die Studierenden nicht in Konkurrenz miteinander“, erklärt der Professor, „man fokussiert sich hier eher darauf, aus sich selbst das Beste hervorzuholen und schaut nicht so sehr nach links und rechts – es sei denn, man unterstützt oder holt sich Unterstützung.“ Der Professor ist überzeugt, das Studium sollte kein Wettkampf sein, und das möchte er auch an die Studierenden der Fachhochschule Kiel weitergeben.

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