Physiotherapeutin mit Leib und Seele

Kiel, 26.11.2012

Sie ist die erste Professorin für Physiotherapie in Deutschland, die auch Physiotherapie studiert hat. Gleichzeitig ist Katharina Scheel mit 30 Jahren die jüngste Professorin an der Fachhochschule (FH) Kiel – und sie liebt, was sie macht. „Für mich ist die Physiotherapie kein Beruf, sondern Berufung.“ Seit dem 1. Oktober 2012 arbeitet sie am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Davor war Katharina Scheel als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten in Bochum tätig.

Jana Tresp (JT): Wie kamen Sie zu Ausbildung und Studium?

Katharina Scheel (KS): Ich bin in Leipzig geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur wollte ich einen Beruf erlernen, der mit Bewegung zu tun hat. Da ich gerne in meiner Heimat bleiben wollte, konnte ich zwischen einem Studium der Sportwissenschaften oder der Ausbildung zur Physiotherapeutin wählen. Den Aufnahmetest für das Studium hatte ich zwar schon bestanden, entschied mich am Ende aber  für die Ausbildung. Damals eine gute Entscheidung, weil ich mich mit 18 Jahren noch nicht bereit für ein Studium fühlte.

Nach der Ausbildung habe ich jedoch schnell gemerkt, dass ich in der Praxis an meine Grenzen stoße. Obwohl es viele Fort- und Weiterbildungen für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten gibt, hat mir eine Struktur und Systematik gefehlt. Viele Fragen blieben durch die angebotenen Fortbildungen unbeantwortet. Fragen wie: Wie eigne ich mir selbst Wissen an? Was ist in meinem Berufsfeld gerade up to date? Wie behandle ich am effektivsten?

Ich habe aber sehr gerne praktisch gearbeitet – insgesamt drei Jahre lang. Von den Patientinnen und Patienten kommt sehr viel Anerkennung und Dankbarkeit zurück. Wenn ich Menschen, die im Rollstuhl sitzen, wieder auf die Beine bringe und sei es auch nur an Krücken, dann ist das einfach toll. Für mich ist Physiotherapie nicht nur Beruf, sondern Berufung. Ich bin mit Leib und Seele Physiotherapeutin, habe mich aber letztlich gegen die praktische Arbeit und für die wissenschaftliche Untermauerung der Physiotherapie entschieden.

JT: Warum haben Sie sich für die Wissenschaft entschieden?

KS: Die Physiotherapie gehört zu den Praxiswissenschaften, ähnlich wie die Pflege, wobei es in der Physiotherapie eben (noch) an dieser Wissenschaftlichkeit mangelt. Sie zeichnet sich durch Struktur- und Orientierungslosigkeit aus. Wissenschaft bedeutet, einigermaßen ernsthaft betrieben, mit Nachdruck ein Ziel zu verfolgen und fordert auf, sich zu strukturieren. Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten.

Daneben gibt es kaum Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten in Deutschland, die sich der tatsächlichen wissenschaftlichen Untermauerung des Berufs annehmen wollen.

JT: Was haben Sie gemacht, bevor Sie an die FH Kiel gekommen sind?

KS: Ich habe als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK e.V.) in Bochum gearbeitet, an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik. Ich habe Studien entwickelt und durchgeführt, ein Curriculum für Weiterbildungen und Präventionskonzepte erarbeitet, Stellungnahmen an verschiedene Ministerien sowie Artikel geschrieben.

JT: Wie kamen Sie an die FH Kiel?

KS: Für mich stand eigentlich schon immer fest, dass ich lehren möchte. Ich habe neben der Tätigkeit für den IFK, an der Sporthochschule Köln promoviert. Dass es mit der Professur so schnell klappen würde, hätte ich allerdings nicht für möglich gehalten.

JT: Was möchten Sie Ihren Studierenden vermitteln?

KS: Ich versuche den Studierenden einen umfassenden Blick auf die Physiotherapie zu geben. Die Ausbildung hat hier und da ihre Schwachstellen. Dabei geht es unter anderem um die Fragen: Was macht Physiotherapie aus? Wie ist sie definiert? Diese Lücken versuche ich zu füllen. Viele machen die Ausbildung und wissen nicht, woher der Beruf kommt und wohin sie damit wollen. Gegenstand der Physiotherapie ist die menschliche Bewegung. Wir sind dazu da, Bewegung in Gang zu bringen. Daher versuche ich den Studierenden zu vermitteln, dass sie Lebenshelferinnen und Lebenshelfer in dem Moment sind, wo sie den Patientinnen und Patienten zu mehr Bewegung verhelfen.

Davon abgesehen befindet sich das Berufsbild gerade in einem Wandel, wodurch es wenig festgelegte Wege gibt. Daher möchte ich den Studierenden Orientierungshilfe geben.

JT: Was verbinden Sie mit Kiel?

KS: Ich muss gestehen: eine Sache. Bisher kannte ich in Kiel nur die Lubinusschule für Physiotherapie, ehemals Heilgymnastik. Das war praktisch die erste Physiotherapieschule in Deutschland. Mittlerweile habe ich natürlich schon mehr kennengelernt und finde es schön hier – vor allem die gute Luft. Da ich vorher in Bochum gelebt und gearbeitet habe, merke ich da schon einen deutlichen Unterschied. Wenn ich vor die Haustür gehe, atme ich erst einmal kräftig durch. Dann stellt sich bei mir fast ein Urlaubsfeeling ein.

Kurzbiografie

 

seit Oktober 2012 Professur für Physiotherapie an der Fachhochschule Kiel

2010-2012 Promotionsstudium an der Deutschen Sporthochschule Köln; Promotionsthema „Modelle und Praxiskonzepte der Physiotherapie – Eine Verortung innerhalb von Anthropologie und Ethik“

2008-2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e. V. (Bochum)

2007-2008 Freiberufliche Tätigkeit als Physiotherapeutin in Wien

2007-2008 Wissenschaftliche Assistentin Medizinische Universität Wien, Innere Medizin, Abteilung Rheumatologie/Klinimetrie

2006-2009 HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen; Master-Studiengang Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie; Master of Science (Physiotherapy)

2006-2007 Angestellte Physiotherapeutin Kur- und Rehabilitationszentrum Bad-Pirawarth (Österreich)

2005-2006 HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen; Bachelor-Studiengang Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie; Bachelor of Science (Physiotherapy)

2003-2005 Angestellte Physiotherapeutin Kur- und Rehabilitationszentrum Bad-Pirawarth (Österreich), Genehmigung einjähriger Weiterbildungskarenz

2000-2003 Medizinische Berufsfachschule des Universitätsklinikums Leipzig; Examen zur staatlich anerkannten Physiotherapeutin