Ethik in der Wirtschaft

Am Donnerstag, den 9. Februar 2017, veranstaltete die Deutsche Zentralbücherei im dänischen Apenrade das regelmäßig stattfindende Politische Forum, diesmal zum Thema Unternehmensethik. Unser Professor für Management Ethics Prof. Dr. Hans Klaus gehörte zu einem der geladenen Referenten, welche mit dem Publikum über die politisch und gesellschaftlich relevante Thematik der Ethik in Unternehmen diskutierte. Zu welchen Ergebnissen die Referenten kamen und was genau eine gute Kinderstube mit der Unternehmensführung zu tun hat, könnt Ihr hier nachlesen.

In einem persönlichen Interview hat Prof. Dr. Hans Klaus uns erklärt, warum es das eine wahre Gute nicht gibt und weshalb wir mehr Querdenkerinnen und Querdenker in unserer Gesellschaft und vor allem auch in unseren Unternehmen benötigen.

Welchen Stellenwert nimmt Unternehmensethik heutzutage in deutschen Unternehmen ein?

Dabei handelt es sich um eine Frage nach der Wahrnehmung der aktuellen Situation. Das, was ich Unternehmensethik nenne, also die Reflexion dessen, was man tut und mit welcher Absicht, hat einen geringen Stellenwert. Der Sinn des Wirtschaftens wird kaum in Frage gestellt.

 

Woran machen Sie das fest?

Insbesondere an den Äußerungen in den Medien. Die Kapitalismuskritik, die Grundprinzipien des Wirtschaftens, werden nicht anerkannt. Dass der Zweck die Mittel heiligt, gibt es zuhauf. Das verstehen die Menschen und die Medien nicht. Konkretes Handeln, Einzelfälle, werden nicht kritisiert. Das, was man praktisch tut und die dahinterstehenden Prinzipien werden nicht hinterfragt. Stattdessen werden solche Fälle zu schnell vom Tisch gewischt.

Natürlich gibt es Unternehmen die Gutes tun – beispielsweise im Personalbereich. Aber auch Unternehmen, die Schlechtes tun, wie beispielsweise ihre Mitarbeiter auszuspionieren. Dabei wird selten die Frage gestellt, ob das, was rechtens ist, auch gerechtfertigt ist. Verantwortung wird heutzutage übernommen, um das eigene Image aufzupolieren: Tue Gutes und rede darüber, lautet die Prämisse. Das kritische Urteilen bei wirtschaftlichen Handlungen findet aber noch zu wenig statt.

 

Glauben Sie, dass unsere Hochschule durch Module wie „Unternehmensethik“ dazu beiträgt, bei der ‚Unternehmensführung von morgen‘ Ethik und Moral zu verankern?

Wie die Römer schon sagten: Sem­per ali­quid hae­ret – es bleibt immer etwas hängen. Wenn wir solche Themen ansprechen, zwingen wir unsere Studierenden, Handlungsmaxime zu reflektieren und darüber nachzudenken. Deshalb ist es wichtig in Management Ethik und Mitarbeiterführung, kritisch zu hinterfragen, ob das Handeln gerechtfertigt ist.

 

Glauben Sie, dass mehr Module dafür nötig sind als Management Ethik und Mitarbeiterführung?

Nicht mehr Module, aber die Themen sollten auch in anderen Modulen zur Sprache kommen, zum Beispiel in VWL und im Einkauf. Denn überall, wo etwas in wirtschaftlicher Absicht getan wird, können Konflikte auftreten. Dann geht es um die Frage: Soll ich das tun, wenn Schaden entsteht und die Verantwortung übernehmen?

 

Sie schreiben, dass Querdenkerinnen und Querdenker für ethisch durchdachte Entscheidungen im Unternehmen hilfreich sein könnten - wie genau kann man sich das in der Unternehmenspraxis vorstellen? Sollten unsere Studis zu zukünftigen Querdenkerinnen und Querdenkern werden?

 

Moral kann definiert werden Bündel von Werten. Heutzutage geht es darum, Geld zu verdienen. Wichtig ist dabei, dass diese Moral des Geldverdienens hinterfragt wird. Was genau bedeutet Querdenken? Es existiert ein Raster betriebswirtschaftlichen Denkens in eine Richtung vorstellen, welches einer Maxime, dem Gewinnerzielen, folgt. Querdenken setzt ein, wenn diese Linie verlassen und das Handeln aus anderen Blickwinkeln, aus einer anderen Perspektive, betrachtet wird.

Meiner Meinung nach funktioniert das Querdenken bei unseren Studierenden gut, vor allem bei unseren Master II-Studierenden mit einer anderen Vorbildung. Unsere Studis sind in der Lage, kritisch zu reflektieren und zu urteilen.

 

Wie genau kann man sich das in der Praxis vorstellen?

 Nehmen wir zum Beispiel die HDW, die U-Boote, also Rüstungsgüter, baut. Es entsteht eine Moralliste von ‚das darf man nicht’, über ‚das muss man nicht’, zu ‚wir müssen Geld verdienen’. Das heißt, es entsteht ein Konflikt, zu dem der Mitarbeitende Stellung beziehen muss. Der Einzelne muss sich die Frage stellen, was sein Handeln bewirkt und darauf basierend entscheiden.

So auch in der Lebensmittelindustrie: Welche Wirkstoffe sollen noch in unsere Lebensmittel rein? Viele Unternehmen tun einfach, was der Markt verlangt und polieren damit ihr Image auf. Das ist dann gutes Marketing und keine Unternehmensethik.

 

Aber ist es nicht trotzdem positiv, wenn Gutes getan wird, auch wenn es nur dem Marketing dient?

Wichtig ist, dass uns bewusstwird, dass es das eine wahre Gute nicht gibt. Entscheidend ist, dass man sich für sein Handeln rational Gründe überlegt, also logisch vorgeht. Ethik bedeutet, in den Dialog zu treten. Damit wird Ethik zu einem unbegrenzten Prozess, der immer wieder auf Moralen zurückgreift.

 

Gibt es für Sie eine Art „Vorreiterunternehmen“ in Bezug auf ethisch betrachtet „gutes“ Wirtschaften? 

In Teilen ja, beispielsweise im Personalbereich oder der Produktionspolitik. Ethik macht sich fest an einem hohen Reflexionsgrad, zum Beispiel in der ökologischen Nachhaltigkeit. Hier kommt es aber schnell zu einer Dilemmasituation wie beispielsweise: Erhalten wir Arbeitsplätze oder gehen wir ökologisch vor? Hierbei müssen die verschiedenen Moralen abgewogen werden, bevor man sich entscheidet.

 

Wie kann man sich das Lösen eines derartigen Dilemmas praktisch vorstellen?

In der Praxis könnte das so aussehen, dass sich Vertreter der verschiedenen Interessensgruppen im Unternehmen zusammensetzen und sich dem Konflikt annehmen. Dabei geht es darum, über die langfristige Entwicklung nachzudenken. Was kann ich heute tun, um in der Zukunft mein Ziel zu erreichen?

Ich selbst war damals als Schuhhändler tätig. Zu der Zeit hat keiner darüber nachgedacht, wie und mit welchen Chemikalien das Leder zubereitet wird. Plötzlich hat jemand aus unserem Verband die Frage aufgeworfen, ob wir wirklich die chemisch behandelten Schuhe verkaufen wollen, die beispielsweise Allergien auslösen könnten. Die Kunden haben sich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht für die Thematik interessiert. Trotzdem haben wir Nachweise von unseren Lieferanten gefordert, dass das Leder nicht mit Chemikalien behandelt wurde. Dadurch wurden die Schuhe natürlich teurer, die Konsumenten beschwerten sich, und wir haben das Leder nicht mehr in der Türkei eingekauft, wodurch Arbeitsplätze verloren gingen. Aber als Unternehmen muss man langfristig denken. Das eine wahre Gute gibt es einfach nicht. Aber das ist es ja schließlich auch, was Menschen eine individuelle Lebensführung bejaht.

 

Das hört sich kompliziert an.

Natürlich ist das schwer. Es müssen kontinuierlich die eigenen Maxime überdacht werden. Letztlich geht es darum, offen durch die Welt zu gehen und sich zu fragen: Ist das, was da passiert, gerechtfertigt? In Unternehmen werden Querdenkerinnen und Querdenker gebraucht, welche die Praxis in der Organisation in Frage stellen. Das ist durch äußere Regelungen nicht möglich. Vorregelungen für jeden konkreten Einzelfall sind einfach nicht möglich. Deshalb sind die Menschen so wichtig in Organisationen. Menschen, die nachfragen: Ist das, was ich tue sinnvoll für mich und die Gesellschaft? Ist mein Handeln vor Menschen, die negativ betroffen sind, rechtfertigbar? Ökonomisches Handeln bedeutet auch als Einzelner reflektiert Verantwortung zu übernehmen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Text und Foto: Nicole Bianga

(veröffentlicht: .04.2017)