Künstlerin im Gespräch: Karin Weissenbacher über „Entrevista“

Am 5. September eröffnet die Malerin und Bildhauerin Karin Weissenbacher ihre Ausstellung ‚Entrevista‘ im Bunker-D. Im Interview mit Jessica Sarah Schulz erzählt die Künstlerin, was es mit dem portugiesischen Ausstellungstitel auf sich hat, wie sich ihre brasilianischen Wurzeln auf ihr Werk auswirken und was die Besucher im grauen Klotz erwartet.

Sie sind zum ersten Mal im Bunker-D zu Gast. Was reizt Sie daran, Ihre Werke an diesem Ort in einer Einzelausstellung zu präsentieren?

Gleich bei meinem ersten Besuch im Bunker-D im Jahr 2016 (die Eröffnung der Ausstellung von Uschi Koch) hat mich der Ort und die Umgebung fasziniert. Es ist ein einmaliger und transformativer ‚Kunst Schutzraum‘, der seinesgleichen sucht. Ich bewundere Klaus-Michael Heinze für sein unglaubliches Engagement.

Für mich ist der Bunker-D zu einer Art ‚Kunst Tempel‘ gewachsen, wo es vorrangig um die Idee der Freiheit der Kunst und in der Kunst geht. Räumlich reizt mich die historische, schroffe, verletzte und gehütete Schutzarchitektur des Kriegsdenkmales Bunker-D, die immer neu den Dialog zu den wechselnden Ausstellungen aufnimmt.

Seit 2016 steht mein Ausstellungstermin bereits fest und ich hatte Gelegenheit, mich auf den Ort und die Menschen einzulassen und war einige Male zu Besuch. In der Zwischenzeit fühle ich mich mit Beidem verbunden und es ist sogar ein lebendiger Austausch entstanden.

Ihre Ausstellung trägt den portugiesischen Titel ‚Entrevista‘, der sich mit Besprechung oder Gespräch übersetzen lässt. Warum haben Sie sich für diesen Titel entschieden?

‚Entrevista‘ bedeutet auch so viel wie ‚Dialog‘ oder auch ‚Interview‘: Es ist eine Aufforderung an den Besucher, den Dialog zu den Kunstwerken im Sinne eines ‚Zwiegespräches‘ aufzunehmen, die Exponate zu befragen, zu beobachten und hineinzufühlen. Im Doppelsinn meine ich damit natürlich auch den Dialog der Kunstwerke untereinander. Die Werke der Installation der 30 Figuren ‚Reisende im Dialog‘ sind im Dialog zueinander aufgebaut. Hier geht es um genau diese dialogische Spannung.

Außerdem gefällt mir an dem portugiesischen Wort ‚Entrevista‘ die Vieldeutigkeit. ‚Interview‘ beispielsweise könnte ebenso bedeuten, dass man die Kunstwerke selbst befragen kann, was ihre Lebendigkeit voraussetzen würde.

Ihre Mutter ist Brasilianerin und Ihr Vater Deutscher. Inwiefern wirken sich Ihre Wurzeln auf Ihr Werk aus?

Die kulturelle Spannung in meinem Umfeld hat mich sicherlich geprägt und ist eine starke Facette meiner Herangehensweise. Als Künstlerin pendele ich zwischen beiden Ländern.  Aktuell arbeite ich in Südbrasilien an einer Installation für den Außenbereich von Santa Catarina: die ‚Chama De Arroz‘.

Ihre Motive reichen von Tieren über Madonnen sowie Medusen bis hin zu abstrakten Farbwelten. Welche Themen beschäftigen Sie in Ihrer Kunst?

Es gibt eine Vielfalt von Themen, die mich faszinieren. Ich nähere mich auf ganz unterschiedlicher Weise meinen Inhalten, wobei es immer den interdisziplinären Dialog zwischen Malerei und Bildhauerei gibt, dessen Übergänge ich als fließend begreife.

Es gibt also immer wiederkehrende Themen wie Tiere, Köpfe, Formen der Natur, mythologische Themen und Wesen. Hinzu kommen Impulse aus meinem Lebensumfeld zum Beispiel durch Menschen, Erlebnisse und Momente, die mich berühren, Fragen, die ich mir stelle. So haben sich zum Beispiel die ‚Holzschnitte‘ entwickelt, als Medium zwischen 3D und 2D. Der Impuls kam beim Arbeiten an Granitblöcken im Steinwerk 2018, als ich die eingeschnittenen, zerschundenen Holzplatten betrachtete, die von den vielen Arbeitsschritten ausgelaugt waren. Als skulpturale Antwort darauf entstanden dann, mit ebenso zerklüfteter Oberfläche, die ‚Reisenden‘.

Durch Spiele und Experimente mit den Oberflächen, den Reflektionen, die aus der malerischen Arbeit Einzug in die skulpturale Oberfläche hielten (und genauso umgekehrt) entwickeln sich also immer wieder neue Techniken. Mich interessieren die unterschiedlichen Herangehensweisen, ich arbeite frei.

Meine Arbeiten erlauben außerdem einen Blick in mein unbewusstes Denken. Impulse sind für mich Elemente des Lebens: Natur, Wissenschaft, Spiritualität und Leidenschaft. Für mich als Künstlerin und auch für den Betrachter beinhalten meine Arbeiten eine pulsierende Grundströmung, einen Rhythmus, wie die Bewegung von und zur Seele, die bewusst nicht unbedingt nachvollziehbar ist. Eine Poesie die alles durchzieht.  Das Leben selbst ist das große Thema, Fragen und Antworten…Geschichten…

Was erwartet die Besucherinnen und Besucher Ihrer Ausstellung im Bunker-D?

Es ist eine facettenreiche Schau völlig unterschiedlicher Arbeiten aus den vergangenen sieben Jahren Malerei und Bildhauerei. Ich zeige in Bild und Objekt meine jüngsten Arbeiten: die ‚Reisenden im Dialog‘, 30 Figurinen von etwa 40 cm Höhe aus gebranntem und glasiertem Ton. In Resonanz dazu werden die ‚Holzschnitte‘ aus meinem ‚Art Projekt Holzschnitt‘ 2018 zu sehen sein. Es sind jetzt Wandobjekte, die ursprünglich aus den Arbeitsprozessen der Steinbearbeitung stammen. Im Kontrast dazu zeige ich meine jüngsten Bilder: barock in Szene gesetzte Kinderportraits in surrealen Farblandschaften in Öl-Lasur auf Holz gemalt. Im Bunker-D werden außerdem weitere Bilder in Öl-Lasur und Mischtechnik auf unterschiedlichen Holzarten sowie figürliche Arbeiten und Objekte aus Bronze und gebranntem Ton zu sehen sein.

Die Werke stehen im Dialog miteinander und fordern den Betrachter zum Zwiegespräch auf, laden zum Nachdenken ein … Eben: Entrevista.

Die Ausstellung „Entrevista“ wird am 05.09.19 um 18:00 Uhr eröffnet und kann bis zum 02.10.19 jeden Mittwoch während der üblichen Öffnungszeiten des Bunker-D besichtigt werden. Der Eintritt zu Vernissage und Ausstellung ist frei.