Heute in der Reihe „Wie wird man eigentlich Professor*in?": Tobias Hochscherf

Professor Tobias Hochscherf studierte Geschichte, Medienwissenschaft, Germanistik, Anglistik und Amerikanistik an der Universität Hamburg und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Unter anderem hat er als Lehrer, Journalist und selbstständiger Filmproduzent gearbeitet. Mit Aenne Boye hat er darüber gesprochen, wie er im Alter von 34 Jahren als Professor für audiovisuelle Medien an die FH Kiel berufen wurde.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Sie sich in Ihren Vorlesungen dafür aussprechen, dass die Studierenden sich viel Zeit mit dem Studium lassen sollen. Sie sagen, sie selbst hätten auch lange bis zu ihrem Diplom gebraucht. Wie konnten Sie trotzdem schon mit 34 Jahren Professor werden?

Ich habe mir Zeit gelassen, die Zeit aber nicht verplempert. Das habe ich geschafft, indem ich viel neben dem Studium gemacht habe. Beispielsweise habe ich das Studium ruhen lassen, um eine Firma zu gründen, oder ich bin ein Jahr nach Großbritannien gegangen, um dort als Lehrer zu arbeiten. Auch wenn es nicht immer zielführend war, habe ich immer etwas getan und so nach links und rechts geguckt.

Sie wollten also nicht schon immer Professor werden?

Nein, ich wollte anfangs Lehrer oder Journalist werden. Deshalb habe ich auch das Studium ein Jahr pausieren lassen und in Halifax, das ist in West Yorkshire in England, als Lehrer unterrichtet. Vor, nach und während dem Studium habe ich als Journalist für verschiedene Radio- und Fernsehsender gearbeitet. Ich wollte gerne Geschichten erzählen, und das kann man im Journalismus nur bedingt. Die Wissenschaft hat mich fasziniert. Deshalb habe ich die Filmproduktionsfirma auf Eis gelegt und insgesamt sechs Monate Praktika im Goethe Institut Los Angeles und der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences in Los Angeles gemacht.

Wieso gerade Los Angeles?

Ein Grund war, dass ich aus einem Schüleraustausch von 1992 noch Freunde in der Stadt hatte, die alle unglaublich gut in der Filmszene vernetzt waren. Beispielsweise ist ein Freund von damals mittlerweile Rechtsanwalt bei Universal. Ein anderer Grund war, dass die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences viele tolle Projekte macht. Sie verleiht unter anderem jedes Jahr die Oscars. Durch die Academy kam ich auch zu meinem Promotionsthema. Ich habe mitgeholfen, eine Fritz-Lang-Ausstellung zu kuratieren. Fritz Lang ist ein österreichisch-deutsch-US-amerikanischer Schauspieler, Filmregisseur und Drehbuchautor, der 1939 in die USA emigrierte. Das hat dazu geführt, dass ich über jüdisch, nazikritische, regimekritische Exilanten promovieren wollte. Nach dem 11. September 2001 wurden leider in Amerika kaum noch ausländische Stipendien ausgeschrieben, sodass ich mich an der University of Liverpool beworben hatte und genommen wurde. Dort habe ich als Dozent unterrichtet und geforscht. 2007 ist dann meine Dissertation „German-speaking Émigrés in British Cinema, 1927-1949“ erschienen.

Und wie haben Sie anschließend Ihren Weg an die FH Kiel gefunden?

Nach der Promotion war ich als Senior Lecturer für Film- und Fernsehwissenschaft an der Northumbria University tätig. In Deutschland kann man das mit einer Art Assistenzprofessur vergleichen. Ich wäre gerne dageblieben, doch nach dreieinhalb Jahren dort, wollte meine Familie wieder zurück nach Deutschland. Ich habe mich auf mehrere Stellen beworben – FH oder Uni das war mir damals eigentlich egal. Dass ich an der FH Kiel genommen wurde, war rückblickend ein Glücksfall. Ich bin sehr gerne in Norddeutschland und am Meer. Alle Städte, in denen ich länger war, Liverpool, Newcastle oder Los Angeles, waren am Wasser. Außerdem gefällt mir der Praxisbezug an der FH sehr gut. Denn Filme zu machen, lernt man nicht alleine vom Filme schauen. An der Northumbria University gibt es auch viel Praxis. Zum Beispiel hatten die dort auch eine studentische Redaktion und wir haben Radiojournalisten ausgebildet. Das wollte ich gerne wiederhaben.

Nun sind Sie seit dem Wintersemester 2009 Professor für audiovisuelle Medien an der FH. Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit als Professor besonders gut?

Dass ich gleichzeitig abgesichert bin und viele Freiheiten habe. Ich kann entscheiden, was ich lehre und was ich erforsche. Es macht Spaß, viele für das zu begeistern, was mich selbst begeistert. Als Freiberufler hat man diese Freiheiten nicht. Da musste ich häufig das Gleiche machen, weil ich auf das Geld angewiesen war. Zudem hat man als Professor viel Mitspracherecht bei der Stundenplanung. Ich habe drei Kinder. Arbeit und Familie bringe ich durch viel Absprache, Disziplin und Aufgabenverteilung unter einen Hut. Ich denke, die Hochschule ist ein guter Arbeitgeber und Lernort, wenn es um sinnvolle Lehrzeiten für Studierende und Dozenten geht. Zum Beispiel müssen Kollegen mit kleinen Kindern nicht spät abends noch lehren. Insgesamt ist das Arbeitsumfeld sehr kollegial.

Sie sind stolzer Besitzer eines Wikipedia-Artikels. Stimmt alles, was dort steht?

Den Artikel habe ich mir lange nicht angesehen. Allerdings ändert sich immer wieder, ob mein zweiter Name Maria ist oder nicht.

Und?

Das bleibt mein Geheimnis.

Zum Schluss: Was würden Sie Studierenden raten, die auch eine wissenschaftliche Karriere machen möchten?

Es lohnt sich, verschiedene Hochschulen kennenzulernen. Außerdem sollten sich die Studierenden etwas suchen, das sie nicht nur als Arbeit betrachten, sondern auch als Berufung. Ich wäre beispielsweise niemals Professor für Wirtschaftswissenschaften geworden, weil es mich einfach nicht interessiert. Da in der Forschung und Lehre die Fachliteratur häufig auf Englisch ist, sollten die Studierenden langjährige Auslandserfahrung sammeln. Ein weiterer Pluspunkt: Man schaut auch noch über seinen Tellerrand. Hierfür haben wir eine ganze Reihe von aktiven Auslandskontakten – unter anderem nach Skandinavien, dem Baltikum oder den Benelux-Staaten. Außerdem rate ich dazu, sich Leute zu suchen, die einen fördern und kritisieren. Die Lehre an sich ist auch sehr wichtig. Das Bild vom Forscher, der nicht kommuniziert und zurückgezogen arbeitet, funktioniert nicht mehr.

Aenne Boye