Heute in der Reihe „Wie wird man eigentlich Professor*in?": Ruth Boerckel

Ruth Boerckel hat die Professur für „Volkswirtschaftslehre und International Economics“ inne. Sie lehrt seit dem Wintersemester 2011/12 an der FH Kiel. Im Interview mit Aenne Boye erklärt sie, wie sie ihren Weg von der Bankenbranche in die Lehre und Forschung fand.

Frau Boerckel, hat Ihr Herz schon immer für Volkswirtschaftslehre (VWL) geschlagen?

Nein, bei mir war es nicht so, dass ich seit der 9. Klasse wusste ‚Ich will später mal Volkswirtschaftlerin werden’. Mich hat eher die inhaltliche Mischung des Studiengangs angesprochen. Ich habe 1986 an der Eberhard Karls Universität Tübingen VWL mit dem Schwerpunkt Regionalstudien angefangen zu studieren. Das heißt, ich lernte VWL sowie die Sprachen aus der entsprechenden, weltwirtschaftlichen Region, die ich selbst wählen durfte. Meine Wahl fiel auf Lateinamerika. Deshalb habe ich jeweils Sprachkurse in Spanisch und Portugiesisch absolviert sowie Geografie-Kurse belegt. Das war toll, weil ich so mit Volkswirtschafler*innen, Geograf*innen und Sprachwissenschaftler*innen zusammenkam. Dass das Studium so breit angelegt war, hat mir sehr gut gefallen.

Nach dem Studium begannen Sie ein Trainee bei der HypoVereinsbank München. Wieso verschlug es Sie gerade in die Finanzbranche?

Theoretisch hätte ich damals schon promovieren können an der Universität. Ich war studentische Hilfskraft am Lehrstuhl und habe gegen Ende des Studiums bereits erste Übungen gegeben, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Allerdings hatte ich direkt nach der Schule angefangen zu studieren. Deshalb dachte ich mir, dass ich erst einmal genug Prüfungen geschrieben hatte. Ich wollte zeigen, was ich kann. Also suchte ich in der freien Wirtschaft nach einem Job. Mein Opa fand es wichtig, dass man sich mit Bankgeschäften auskennt und hat vergeblich versucht, mich dafür zu begeistern. Am Ende bewarb ich mich aber doch hauptsächlich bei Banken für ein Traineeprogramm. Nach der Zeit als Trainee bei der HypoVereinsbank in München fing ich mit gerade mal 24 Jahren als Geschäfts- und Firmenkundenbetreuerin im Münchner Stadtteil Schwabing an.

Geschäfts- und Firmenkunden zu betreuen, war bestimmt nicht einfach in einem so jungen Alter, oder?

Das stimmt. Dann sprach ich auch noch keinen Dialekt, sondern nur Hochdeutsch. Ich hatte das Gefühl, die Leute waren misstrauisch und dachten, ‚Die ist neu, redet anders und zieht andere Seiten auf’. Denn im Jahr 1993, als ich in Schwabing anfing, waren schon einige Unternehmer*innen nach dem Boom, der nach der deutschen Wiedervereinigung einsetzte, auf die Nase gefallen. Risikomanagement wurde damals großgeschrieben. Hilfreich war, dass ich ich ein tolles Team und nette Kollegen hatte. Wir haben uns gegenseitig oft unterstützt.

Wie kam es, dass Sie sich doch noch für eine Promotion an der Universität Mannheim entschieden haben?

An der Universität habe ich immer wohlgefühlt. Die Welt der Wissenschaft ist eine bewegliche, kreative und offene Welt. Mir war bewusst, dass meine Zeit langsam abläuft, wenn ich zurück an die Universität will. Schließlich bewerbe ich mich mit 40 Jahren nicht mehr auf eine Assistentenstelle, um zu promovieren. Die Vollzeitstelle an der Universität Mannheim war ein Glücksfall, weil der VWL-Bereich dort sehr groß ist. Promoviert habe ich über die ‚Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit von Zentralbanken’. Damals waren schon einige Zentralbanken in die sogenannte Unabhängigkeit entlassen worden. Ich habe anhand verschiedener Modelle untersucht, wie unabhängige Zentralbanken die Geldpolitik glaubwürdiger gestalten können.

Wie ging es nach der abgeschlossenen Promotion für Sie weiter?

Da ich zu dem Zeitpunkt bereits Mutter von zwei kleinen Kindern war, bin ich zunächst ein Jahr lang in Elternzeit gegangen. Im Wintersemester 2003/4 habe ich einen Lehrauftrag für das Fach Außenwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) übernommen. Dort wurde zum Wintersemester 2004/5 eine Professor*innenstelle frei, auf die ich mich bewarb und den Ruf erhielt. Im Nachhinein denke ich, dass es mir damals sicherlich genutzt hat, dass die Hochschule mich schon durch meinen Lehrauftrag kannte. Auch wäre der Sprung von der Wickelkommode ans Pult vielleicht schwieriger geworden.

Wie war für Sie der Wechsel von der HfWU Nürtingen-Geislingen im Süden an die FH Kiel hier im Norden?

An der HfWU habe ich mich immer sehr wohl gefühlt und bin dort auch noch im Beirat meines ‚alten’ Studiengangs aktiv. An der FH Kiel bin ich schnell gut angekommen. Die Atmosphäre am Fachbereich Wirtschaft ist trotz seiner Größe locker und offen, was ich sehr schätze.

Zum Abschluss: Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem Beruf als Professorin?

Toll ist, dass ich immer auf dem Laufenden bleibe – in fachlichen Themen und persönlich. Ich möchte schließlich nicht jedes Semester dasselbe veraltete Praxisbeispiel nennen, und auch die junge Zuhörerschaft trägt dazu bei, dass ich in vielerlei Hinsicht auf dem neuesten Stand bleibe. Anders als ich sind die Leute, die vor mir sitzen, immer im selben Alter. Der Altersabstand zwischen mir und den Studierenden wird größer, aber die jungen Menschen fordern mich, so bleibe ich immer am up to date. Das macht wirklich große Freude.