„Wie wird man eigentlich Professor*in?“: Prof. Dr. Bernd Vesper

Von: Joachim Kläschen

Prof. Dr. Bernd Vesper scheint im falschen Teil von Gebäude 12 zu sitzen, denn was macht ein Maschinenbau-Ingenieur inmitten von Kolleginnen und Kollegen des Fachbereichs Medien? Im Gespräch erklärt der Automatisierungstechniker, wie ihn sein Weg an die Fachhochschule führte und er zu den Kreativen übersiedelte.

Fast wäre ihm seine große Leidenschaft zum Verhängnis geworden. Während seiner Schulzeit hatte Bernd Vesper sein Herz an den Segelsport verloren und betätigte sich leidenschaftlich in einer Regattamannschaft. So leidenschaftlich, dass die Schule immer weiter in den Hintergrund rückte und er beinahe durchs Abi fiel. „Ich erinnere mich noch genau, dass meine Mutter mich für verrückt erklärte, als ich zu einer wichtigen Abi-Klausur unvorbereitet und völlig unausgeschlafen erschien, weil unsere Mannschaft in der Nacht davor von einer Regatta zurückkam“, erzählt Vesper. „Aber meine Vorzensuren waren so gut, dass ich schließlich meinen Abschluss an der Kieler Max-Planck-Schule mit ‚Ach und Krach‘ noch geschafft hatte. Ich hatte damals eben andere Prioritäten.“

Auch weil er schon als Kind gerne tüftelte, und weil er während der Schulzeit keine große Abneigung gegen Mathe und Physik entwickelt hatte, entschloss sich Vesper zu einem Maschinenbau-Studium. Da es in Kiel kein solches Angebot gab, verschlug es ihn an die Technische Universität Braunschweig. Der Umzug fiel ihm schwer, weil Braunschweig weder Strand noch Meer zu bieten hatte. Doch weder für das eine, noch für das andere war Zeit, denn das Studium war „hammerhart“, erinnert sich Vesper. „Wir hatten schon gewusst, dass wir sich uns auf eine schwere Sache einlassen, aber es kam schließlich ‚richtig hart‘. Während andere die Semesterferien genossen, traten die Maschinenbauerinnen und -bauer zu ihren Prüfungen an. Bei mir waren es etwa 55 – einige davon mehrfach. Es war aber nicht nur diese Dichte, sondern auch die Tiefe des Stoffs. Höhere Mathematik mit Laplace-Transformation & Co. forderte uns bis an unsere Grenzen. Es war einfach furchtbar viel Arbeit.“

Ohne seine Kommilitonen hätte Vesper das Studium nicht durchgestanden, wie er sagt: „Wir haben uns zu viert gegenseitig gestützt und zusammen gelernt. Ich denke, keiner von uns hätte das damals alleine geschafft.“ Nach seinem Abschluss dachte Vesper, es könne nicht noch anstrengender werden, so dass er sich eine Promotion in den Kopf setzte. Er bekam eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter und begann mit der Forschung für seine Doktorarbeit. Doch die Hiwi-Stelle lief aus, bevor er die Arbeit zu Papier gebracht hatte und er entschloss sich in die Wirtschaft zu wechseln, zuversichtlich, seine Doktorarbeit berufsbegleitend abschließen zu können. Doch aufgrund der schlechten Wirtschaftslage gestaltete sich der Berufseinstieg 1983 schwierig, denn viele Unternehmen stellten zum damaligen Zeitpunkt keine neuen Kräfte ein – wenn sie nicht sogar Teile der Belegschaft entließen.

Nach langer Suche fand er seine erste Anstellung schließlich als stellvertretender technischer Leiter bei Firma Dr. H. Boekels, einem Hersteller von Waagen in Aachen. Sein Spezialgebiet war das ‚dynamische Wiegen‘ von Gegenständen. In Verbindung mit Automatisierungsprozessen wird es beim dynamischen Wiegen beispielsweise möglich, bis zu 400 Verkaufsverpackungen in der Minute auf ordentliche Befüllung zu kontrollieren. Doch wieder forderte die anspruchsvolle Arbeit ihren Tribut, und diesmal begannen die Promotions-Ambitionen davonzusegeln. Um seine Felle ins Trockene zu bringen, machte Vesper 1988 Nägel mit Köpfen: „Seit Jahren stieß ich mich immer wieder in meiner Wohnung an dem mahnenden Umzugskarton mit den Messergebnissen für die Dissertation. Schließlich nahm ich mir alle zur Verfügung stehenden freien Tage, schickte meine damalige Frau mit den Kindern in den Urlaub und machte mich in einem Anfall von Disziplin und Konsequenz an die Fertigstellung der Doktorarbeit über Prozessautomation. Es klappte.“

Mit dem Titel in der Tasche machte sich Vesper an seinen beruflichen Aufstieg, der ihn nach Hamburg zu Philips führte. Für das niederländische Unternehmen kümmerte er sich um große Automatisierungsprojekte. Er sorgte dafür, dass komplexe Verfahren, wie die Herstellung von Kraftfutter und anderen Mischprodukten oder das Beladen und Löschen von Schiffen einfacher und effektiver vonstattengehen konnten. Seine Arbeit führte ihn in viele Länder „aber leider bekam ich dabei nicht viel zu sehen. In jedem Land eine Fabrik, ein Flughafen, ein Hotelzimmer und zwei Taxifahrer“, erinnert sich Vespern nüchtern. „Da diese Tätigkeit schließlich auch mein Familienleben belastete, entschloss ich mich, den Aufstieg auf der Karriereleiter sein zu lassen. Ich war nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Es war ein sehr schwerer Schritt, aber es war richtig, nicht weiter dem Geld und der Karriere hinterherzulaufen.“

In dieser Phase der beruflichen Neuorientierung fiel Vesper eine Ausschreibung der FH Kiel in die Hände, die Professuren im Fachbereich Maschinenwesen zu besetzen hatte. Vesper warf seinen Hut in den Ring und wurde tatsächlich 1994 zum Professor berufen. Er erinnert sich: „Anfangs fiel mir die Umstellung und das Vermitteln von Wissen schwer. Der Unterschied zwischen der Leitung von Großprojekten und dem Vermitteln von Wissen über Grundlagen der Elektrotechnik für Maschinenbaustudierende war einfach riesig. Aber als ich bemerkt habe, wie sich die interessierten Studierenden im Laufe der Zeit entwickeln, hat mich das Fieber gepackt und nicht mehr losgelassen.“ Vielleicht würde Vesper bis heute am Fachbereich Maschinenwesen unterrichten, doch die FH veränderte sich und auch er geriet in den Strudel dieser Veränderung.

Im Jahr 1998 wurde an der FH der Studiengang ‚Multimedia Production‘ (MMP) aus der Taufe gehoben. Das neue Angebot sollte ganz im Geiste der Interdisziplinarität stehen. So wurden Lehrende aus den Fachbereichen gesucht, die ihr Fachwissen auf diversen Feldern von MMP vermitteln. „Durch die Automatisierungstechnik kannte ich mich mit Computergrafik aus und wurde entsprechend rekrutiert“, erinnert sich Vesper. „Aber auch das war eine große Umstellung. Ich war gewohnt, dass Computergrafik eingesetzt wurde, um Prozesse und Vorgänge möglichst nah an der Realität abzubilden. Statt der Präzision der Zeichnung ging es in MMP aber eher um die realitätsnahe Modellierung und Animation. Und statt dem Abbilden von Abläufen in Echtzeit gab es hier kreative Möglichkeiten. Das war eine faszinierende Herausforderung.“

So stand Vesper unverhofft mit einem Bein in einem anderen Fachgebiet, fand aber Gefallen an der neuen Herausforderung. Das ‚andere‘ sieht er dabei nicht als Gegensätzlich an, für ihn überwiegen die Gemeinsamkeiten: „Ich habe seit meiner Studienzeit Projekte organisiert, Abläufe analysiert und durch Automatisierung optimiert. Einen neuen Studiengang ans Laufen zu kriegen und schließlich auch die erforderlichen Akkreditierungen zu erreichen, war ein Projekt, dem ich mich leidenschaftlich hingegeben habe.“ So wechselte Vesper schließlich die Lager, nahm Abschied vom ‚Messen, Steuern und Regeln‘ und entschied sich in seinem zweiten Leben an der FH für das ‚Lebendige‘ und ‚Chaotische‘, wie er MMP charakterisiert.

Von der Computergrafik hat sich Bernd Vesper mittlerweile verabschiedet. Heute sind seine Schwerpunkte als Dozent am Fachbereich Medien, zu dem der Studiengang MMP mittlerweile gehört, Management und Unternehmensführung, Fotografie, Medientechnik, Marketing und – natürlich – Projektmanagement. Nach wie vor begeistert ihn die Komplexität der Medien: „Selbst wenn es oberflächlich so erscheinen mag, mediales Geschehen kann man nicht auf einfache Strukturen runterbrechen. Genauso im Marketing: In den seltensten Fällen ist beispielsweise eine Kaufentscheidung rational begründet. Wir wollen Dinge häufig ‚einfach‘ haben. Wenn man aber genau hinschaut, ist das ‚einfach‘ aber ein komplexes Zusammenspiel von vielen Faktoren. Diese vielen Parameter zu beleuchten ist etwas, das mich nach wie vor fasziniert.“ So fällt kurz vor seiner Pensionierung im Herbst 2020 sein Fazit dann auch positiv aus: „An die FH zu gehen, das war die absolut richtige Entscheidung, eine der Besten meines Lebens!“

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