FH-Absolventin gewinnt KOMPASS-Preis 2018

Es ist eine Ehrung, mit der die Medienstudierende der FH Kiel nicht gerechnet hatte: Viktoria Stoßberg ist Absolventin des Masterstudiengangs Medienkonzeption der Fachhochschule Kiel und hat in Kooperation mit thyssenkrupp Marine Systems analysiert, wie Mixed Reality Brillen im industriellen, maritimen Arbeitsumfeld eingesetzt werden können.

Am 16. August 2018 wurde die Studierende für ihre Analyse potenzieller Chancen und Risiken hinsichtlich der Akzeptanz und der ergonomischen Aspekte der Mixed Reality Brille bei der Preisverleihung des KOMPASS Preises ausgezeichnet. Sie belegte den ersten Platz und gewann damit 3.000 Euro Preisgeld für ihre innovative Arbeit.

Viktoria freut sich, dass das Interesse an ihrer Forschung so groß ist: „Das Thema ist nicht nur sehr wichtig, sondern auch extrem praxisnah. Weil ich durch thyssenkrupp Marine Systems unterstützt wurde, konnte ich auch tolle Kontakte knüpfen, meinen Horizont erweitern und meine Arbeit bereichern.“

Die Idee zu ihrer Forschungsarbeit entwickelte die Absolventin gemeinsam mit ihrem Betreuer Prof. Dr. Rupert-Kruse und Stefan Lengowski von thyssenkrupp Marine Systems GmbH:

Im Verlauf ihres Masterstudiengangs Medienkonzeption befasste sich Viktoria bereits mit dem Thema Augmented und Mixed Reality (MR/AR), also der erweiterten Realität. Mit ihrer Masterarbeit wollte sie an diesem Bereich ansetzen und ging dem Vorschlag von Prof. Rupert-Kruse nach, die Microsoft HoloLens, eine Mixed Reality Brille, bei thyssenkrupp Marine Systems zu ihrem Forschungsgegenstand zu machen. Nach einem ersten Gespräch mit Stefan Lengowski, ihrem Thesis-Betreuer bei dem Marine-Unternehmen, startete Viktoria mit ihrer Forschung.

Die digitalisierte Industrie ist auch im Schiffbau eingezogen: „Schiffe und Boote werden heutzutage zu einhundert Prozent als 3D-CAD-Modelle konstruiert. So ist es ein Ziel, diese 3D-Modelle auch für unsere Werftmitarbeiter nutzbar zu machen und das möglichst papierlos. Hier setzt die Mixed Reality Brille an.“ Um jedoch zu erfahren, ob die Angestellten der Werft überhaupt mit der Brille arbeiten wollen und können, führte Viktoria eine Akzeptanzanalyse durch. „Das bedeutet, dass ich die Werker im Rahmen eines Tests mit den Brillen dazu befragt habe, wie ihnen dieses Medium gefällt, ob sie es als gut bedienbar empfinden und wo sie Schwachstellen sehen.“

Im Rahmen eines einmonatigen Praktikums lernte sie anfangs den Schiffbau-Bereich und dessen Produktionsabläufe kennen. Währenddessen strukturierte sie ihre Thesis: „Ich habe auf Grundlage einiger Analysen zum maritimem Arbeits- und Technologieumfeld ein Konzept erstellt, die Technik der Brille kennengelernt und sogar Kontakt zu Microsoft aufgenommen, um mit den Entwicklern über die HoloLens zu sprechen“, sagt Viktoria. Auch Interviews mit dem Betriebsrat, dem Betriebsarzt und dem Ergonomie-Beauftragten, dem Datenschutzbeauftragten der Arbeitssicherheit, den werftinternen IT-Spezialisten und weiteren im Gesamtprozess involvierten Mitarbeitenden des Unternehmens trugen dazu bei, den Test mit den Werkern gründlich vorzubereiten.

Viktorias Kommilitone Oskar Schümann programmierte das VR-Anwendungsszenario, das die Werker dann selbstständig testeten. „Vorher füllten alle einen Fragebogen aus“, erläutert Viktoria, „und beantworteten zum Beispiel, wie oft sie neue Technologien bei der Arbeit, wie sie Smartphones oder Tablets in ihrem Alltag nutzen, wie sie grundlegend zur HoloLens eingestellt sind.“ Nachdem die Werker das VR-Szenario testen durften, beantworteten alle Probanden die Fragen zur HoloLens erneut. Die Ergebnisse: „Alle waren begeistert. Viele kamen negativ gestimmt zum Test, waren danach aber total beeindruckt. Da wurden viele Augen groß, dass sowas überhaupt funktioniert!“, erinnert sich Viktoria.  

Besonders erstaunt habe die Studentin, dass ältere Teilnehmer ihres Tests oftmals besser mit der HoloLens und der spezifischen Bedienung zurechtkamen, als die jüngsten Teilnehmer. „Mein ältester Proband war weit über 60. Er traute sich nicht einmal, die Fragebogen am PC auszufüllen, Technik gehört einfach nicht zu seinem Alltag“, beschreibt Viktoria die Situation. „Als er dann die Brille nutzte, konnte die ungewohnten Fingerbewegungen, die man machen muss, um die Technik zu bedienen, schneller erfassen als Teilnehmer unter 20, die die typischen Smartphone-Wischbewegungen einsetzen wollten, damit aber nicht weiterkamen.“

Mit ihrer Forschungsarbeit konnte Viktoria Stoßberg das Argument relativieren, dass der Einsatz von VR-Technik über die Angestellten hinweg entschieden wird: Nach ihrer Forschung berichteten die Probanden ihren Vorgesetzten von den positiven Erfahrungen. „Schnell hat sich das im ganzen Unternehmen herumgesprochen. Sogar nach dem Versuch wollten viele die Anwendung testen! Die Ergebnisse wurden bis zur Unternehmensleitung getragen, die es sich nicht nehmen ließ, selbst einmal diese Anwendung live zu testen. Nun gilt es, Projekte zu fördern, die auf meinen Testergebnissen aufbauen“, sagt Viktoria.

Zwar sei ihre Arbeit nicht repräsentativ, doch könne man die Erkenntnisse als Indiz dafür werten, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sollten sie mit einer noch unbekannten Technik in Berührung kommen, von vornherein in den Entscheidungsprozess eingebunden werden sollten. „Der Mehrwert von neuer Technik muss im Fokus stehen“, betont Viktoria. „Sie muss die reguläre Arbeit erleichtern.“ Frau Stoßbergs Auftraggeber Stefan Lengowski von tk MS unterstreicht dies Bild: „Ich bin überzeugt, in spätestens zehn Jahren wird jeder Mitarbeiter diese Art der Technik in der Produktion nutzen. Die digitalen Daten transparent vor dem Auge zu haben, im wahrsten Sinne des Wortes.“

Dass sie den KOMPASS-Preis gewinnen würden, daran dachte Viktoria nicht, als sie sich auf Ansinnen ihres Professors für die Auszeichnung bewarb. „Meine Arbeit ist doch recht weit vom unmittelbar maritimen Umfeld entfernt, aber dann bekam ich sogar den Preis für den ersten Platz.“ Die UBS Unternehmens-Beratung Schümann GmbH und die MCG Maritime Consulting Group zeichnen seit sechs Jahren Arbeiten aus Schleswig-Holstein aus, die für die maritime Welt relevant und zukunftsweisend sind. Die Verleihung fand 2018 im Rahmen des maritimen Sommertreffens wieder im Kieler Yachtclub statt.

Ihre Zukunftspläne hat die FH-Absolventin bereits umgesetzt: Seit Mai 2018 arbeitet sie als Produktmanagerin für Training & Simulation bei thyssenkrupp Marine Systems. Ein Job, der ihr viel Freude bereitet:

„Über Computer oder VR und AR können angehende Schiffsbesatzungen bei uns trainieren, bevor sie tatsächlich an Bord eines Schiffes gehen. Das kann man sich etwa so vorstellen wie in einem PC-Spiel“, erklärt Viktoria. „Alles, was für das Arbeiten an Bord erlernt werden muss, kann man sich hier schon aneignen.“

Die Anwendung mit dem Namen ViSTIS® (Virtual Ship Training and Information System) werde kontinuierlich weiterentwickelt. „Ich betreue Forschungsprojekte zum Produkt, informiere mich auf Messen, betreibe Recherche, spreche mit Kolleginnen und Kollegen im Unternehmen über zukünftige Ideen, über potenzielle Schwachstellen sowie über Potenziale, die es zu nutzen gilt, um die Produkte weiterzuentwickeln“, so Viktoria zu ihrem Alltag im Unternehmen. „Es gehört auch dazu, das Produkt noch klarer zu definieren, damit es für Außenstehende greifbar wird.“ Und auch in ihrem jungen Team ist die ehemalige Studentin gut angekommen: „Alle glauben an das, was sie hier tun.“

Dieses Projekt bestätigt erneut die hervorragende Kooperation zwischen der Kieler Werft tk MS und der FH Kiel. So werden im kommenden Jahr aufgrund dieser Basis diverse weitere Projekte zu enger Zusammenarbeit durchgeführt, so Stefan Lengowski. „Auch in einem Industrieunternehmen zeigt gerade dieses Projekt: es sind nicht nur die Technisch-innovativen Themen, sondern auch die extrem wichtige Komponente der Emotionen, die hier zum Erfolg führen wird.“

 

Julia Königs

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