Meet the Locals - über belgische Studenten und was sie von ihrem Land halten

Wenn man Erasmus Studenten nach ihrem Auslandsaufenthalt, fragt, ob sie denn auch „Locals“ – also Studenten aus dem jeweiligen Land, in dem sie studieren, kennengelernt haben, dann lautet die Antwort leider meistens: Nein. Denn die berühmt berüchtigte „Erasmus Bubble“ scheint es wirklich zu geben. Auch ich musste feststellen, dass es eher schwierig ist, Belgier kennenzulernen, und das liegt hauptsächlich an zwei Dingen.

1. Die meisten Veranstaltungen, die von der Hochschule für die ausländischen Studenten organisiert werden, sind auch wirklich nur für Erasmus-Studirende interessant. Seien es Städte Trips, Kennlernabende oder Sprachaustausch. All das ist für die einheimischen Student*innen eher weniger von Belang.

2. Erasmus bedeutet in den meisten Fällen: Man verbringt ein Semester – also eine absehbare Zeit – in einem anderen (meistens fremden) Land. Das bedeutet, dass es schwierig ist ,sich hier einen konstanten Freundeskreis aufzubauen, allein schon, weil die meisten Erasmus-Studenten während ihres Aufenthalts in einem neuen Land auch so viel wie nur möglich von dem jeweiligen Land sehen wollen. Das heißt also viel reisen, viel sehen und wenig Zeit. Denn die Uni soll ja auch nicht zu kurz kommen. Dazu kommt dann noch der Besuch aus der Heimat, die Freunde und die Familie wollen ja auch wissen, wo man seinen Alltag verbringt

In Belgien kommt dann noch dazu, dass es ganz normal ist, am Wochenende zur Familie aufs Land oder in die Heimatstadt zu fahren. Die wenigsten bleiben länger als nötig in ihrer Studenten-WG.

Vor allem weil mir eben genau dieser Kontakt zu den belgischen Studenten fehlt, machte ich mich auf den Weg, um Sie einfach mal zu fragen:

Was haltet ihr eigentlich von eurem Land? Wie findet ihr eure Hochschule? Und würdet ihr lieber in einer anderen Stadt als Antwerpen wohnen? Und: Gibt es Lieblingsorte?

Michael (23) und Jolien (22) studieren Gesundheitsmanagement im 4.Semester:

„Das Bildungssystem ist schon ziemlich gut, vor allem weil wir nicht viel für unseren hohen Bildungsstandard zahlen müssen und uns keine Gedanken über unsere Zukunft machen müssen. Natürlich könnte es besser sein, aber in welchem Land gibt es schon keine Probleme? Allerdings muss man sagen, dass die Politik oft von Menschen gemacht wird, die eigentlich gar nicht wissen, worüber sie entscheiden und wie viel von ihren täglichen Entscheidungen abhängt. Oft werden Dinge beschlossen, die im Nachhinein keiner versteht, oder wichtige Themen werden einfach übersehen, und das obwohl wir so ein kleines Land sind.
Antwerpen als Stadt ist einfach schön. Die Gebäude, die Parks, der Fluss. Außerdem hat es die perfekte Größe – es ist nicht zu klein, aber trotzdem ist alles übersichtlich und leicht zu finden. Außerdem ist es als Student im Vergleich zu anderen Großstädten – relativ günstig, wenn man die richtigen Orte kennt. Zum Studieren würden wir alle wiederkommen, und auch bleiben. Lieblingsorte gibt es daher viele, aber die Bars und Cafés, welche erst in dem Abendstunden ihren Charme versprühen, gehören auf jeden Fall zu unseren Lieblingsorten der Stadt.“

Joni, 20, studiert im dritten Semester Lehramt für Geschichte und Niederländisch:

„Ich habe das Gefühl, Belgier haben keine wirkliche Meinung zum Rest der Welt. Wenn man uns mit anderen Ländern vergleicht, denke ich oft, dass etwas mehr Weltoffenheit fehlt. Wir mögen es nicht, über persönliche Dinge zu sprechen und machen lieber gute Miene zum bösen Spiel, als offen zu sagen, dass uns etwas nicht passt. Ich weiß nicht, ob ich als Ausländer uns Belgier auf anhieb sympathisch finden würde. Aber natürlich verbirgt sich mehr hinter unserer Persönlichkeit als unser Kühles Auftreten. (lacht)

In Bezug auf die Hochschule bin ich wirklich zufrieden. Ich glaube für das Bildungssystem hier in Belgien wird viel getan und investiert. Unser Campus hier ist sehr neu und modern, und wir bekommen für wenig Geld sehr viele Möglichkeiten geboten. Was ich auch sehr an der Karel de Grote Hoogeschool schätze ist das Verhältnis zu den Dozenten. Alles ist sehr familiär, und wir gehen auch mal gemeinsam einen Kaffee oder ein Bier trinken. Das macht das Lernen entspannter und angenehmer.

Antwerpen als Studentenstadt ist für mich einfach ein Traum. Es ist ein wundervoller Mix aus allem. Man hat Kultur, Kunst und unendlich viel zu entdecken. Der Fluss, die vielen Parks und natürlich die vielen Shoppingmöglichkeiten, die sich hier auch bieten. Mein Lieblingsplatz hier ist zum Beispiel das Fotomuseum. Die Ausstellungen sind super, und man kann es immer super mit einem Spaziergang am Fluss verbinden und danach noch einen Kaffee trinken gehen, davon gibt es hier in Antwerpen zum Glück auch mehr als genug. Für mich gibt es keine bessere Stadt, auch für meine Zukunftsplanung. Ich bleibe gern in Antwerpen.“

Auch ich finde nach diesen Gesprächen, dass Belgier nach außen vielleicht viel ernster und introvertierter wirken, als sie eigentlich sind. Wie in jedem anderen Land gilt also auch hier: wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wenn man einfach offen auf die Menschen und die Kultur zugeht, dann erschließen sich die Kontakte meistens von ganz allein.