Was meint „Kultur“ in „Fachkulturen“?

Ein kleiner Rück- und Ausblick aus der Sicht von Hochschulforschung und Hochschuldidaktik

Vortrag von Prof. em. Dr. Dr. h.c. Ludwig Huber, Donnerstag, 9. Mai 2019 von 09:45 - 10:45

Im Begriff „Fachkultur“ ist jeder der beiden Teile problematisch. Erörtert wird hier vor allem der Teil „Kultur“: Er hatte zu den ersten Hoch-Zeiten des Begriffs, in denen er hochschulsoziologische und ethnographische Studien anleitete, eine umfassende Bedeutung, die heutzutage verblasst scheint, sowohl in der theoretischen Diskussion als auch in der subjektiv wahrgenommenen Realität der Hochschulen. Der Vortrag stellt zur Diskussion, was dieser Wandel bedeutet und welche Herausforderungen mit den verbliebenen Elementen der „Fachkultur“ gleichwohl für die Hochschuldidaktik verbunden sind.

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Ludwig Huber hat den angekündigten Einführungsvortrag nicht mehr halten können und ist am 11.5.2019 verstorben. Der Vortrag wurde kurzfristig von Ingrid Scharlau übernommen.
Wir sind bestürzt über den unerwarteten Verlust und gedenken seiner Person und seinen Werken.

Symposium

Vorstellung von Befunden zu Lehren und Lernen in unterschiedlichen Fachkulturen sowie der Bedeutung dieser Unterschiede für die Gestaltung von Studium und Lehre

Die Macht der Fachkultur. Eine vergleichende Analyse fachspezifischer Studienstrukturen

Beitrag zum Symposium von Dr. Dominik Weigand, Donnerstag, 9. Mai 2019 von 11:00 - 13:00

Nach wie vor lässt sich insbesondere in den sog. "MINT-Fächern" ein Fachkräftemangel konstatieren. Gleichzeitig ist die Anzahl der Studienabbrüche in den Bereichen Mathematik/Naturwissenschaften verglichen mit den Geistes-/Sozialwissenschaften besonders hoch.

Dabei scheinen weniger strukturelle Besonderheiten der Studienfächer als vielmehr die unterschiedlichen Fachkulturen für diesen Umstand verantwortlich zu sein. So unterscheiden sich beide Fächergruppen erheblich in ihren Sozialisationsmodellen, die sich in den fachspezifischen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern sowie der jeweiligen Fachsprache manifestieren. Die Aneignung der charakteristischen Fachinhalte scheint dabei insbesondere von implizit erworbenem und vermitteltem Wissen abhängig zu sein, das je nach Studienfach mehr oder weniger gut zugänglich ist.

Unter Einbezug der Sozialisationstheorie von Pierre Bourdieu konnte diese These in einer quantitativen Untersuchung mehrerer hundert Studierender belegt werden. Der kulturwissenschaftliche "integrative" Habitus ist weniger restriktiv als der naturwissenschaftliche Habitus, welcher sich am "Kollektionscode" orientiert und trainingsintensiver ist.

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Befunde aus dem Studierendensurvey zu individuellen, institutionellen und fachkulturellen Differenzen

Beitrag zum Symposium von Dr. Frank Multrus, Donnerstag, 9. Mai 2019 von 11:00 - 13:00

Trotz mancher Bemühungen, die Hochschularten zu vereinheitlichen, unterscheiden sich Studierende an Fachhochschulen immer noch in einer Reihe von Merkmalen erkennbar von Studierenden an Universitäten. Auf individueller Ebene finden sich deutliche Unterschiede bei der Bildungsherkunft, dem Hochschulzugang oder der Studienmotivation. Auf institutioneller Ebene begegnen sie unterschiedlichen Lehr- und Studienbedingungen, Anforderungen und Studienangeboten. Bedingt durch diese unterschiedlichen Ausgangssituationen gelangen die Studierenden daher zu verschiedenen Bewertungen und Verbesserungswünschen. Dabei fallen über drei Jahrzehnte hinweg ähnliche, aber auch deutlich unterschiedliche Entwicklungen an Universitäten und Fachhochschulen auf. Wird die Fachebene mit einbezogen, dann treten intra- wie interinstitutionelle Unterschiede deutlich hervor und verweisen auf ein komplexes Bild der Studiensituation, das verdeutlicht, dass Verbesserungsmaßnahmen allgemeiner Art wenig erfolgversprechend sind, sondern zielgruppenspezifisch identifiziert werden müssen. Die Befunde stammen aus dem 13. Studierendensurvey vom WS 2015/16.

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Vorlesungen im Wandel und hochschuldidaktische Beratung im Spiegel der Fachkulturen

Beitrag zum Symposium von Avelina Lovis Roepke am Donnerstag, den 9. Mai 2019 von 11:00 - 13:00

Stets setzt sich die Hochschulforschung zum Ziel, die Qualität in Vorlesungen zu steigern, um den Lernerfolg der Studierenden zu fördern (Mirastschijski et al., 2017). Dabei zeigte sich, dass Dozierende und Studierende unzufrieden mit dem Vorlesungsformat sind (Brauer, 2014; Gerhard, et al., 2015; Schulmeister, 2015). Aus vier verschiedenen Fachbereichen wurden N1 = 808 Dozierende und N2 = 1694 Studierende befragt, was sie sich unter einer guten Vorlesung vorstellen. Inhaltsanalytisch konnten über 6500 Kennzeichen in 10 Kategorien zusammengefasst werden. Im Vergleich zu den jeweils anderen Fachbereichen erschien den Naturwissenschaftler*innen die fachlich-didaktische Kompetenz der Dozierenden am wichtigsten, den Ingenieurwissenschaftler*innen die Anwendung- und Praxisbezogenheit der Lehrinhalte, den Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler*innen deren tiefergehendes Verständnis und den Human- und Sozialwissenschaftler*innen die Interaktion zwischen Dozierenden und Studierenden während einer Vorlesung. Die größten Diskrepanzen zwischen Dozierenden und Studierenden ergaben sich in den Ingenieurwissenschaften und den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Die Erkenntnisse sollten geprüft und anschließend in hochschuldidaktischen Beratungen fachspezifisch einfließen.

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Lehrinnovationen: Fachkulturelle Praktiken und Hochschuldidaktik im Kontakt

Workshop von Dr. Birgit Szczyrba, Donnerstag, 9. Mai 2019 von 14:00-18:30, Fortsetzung Freitag, 10. Mai 2019 von 9:30 - 11:30

Im Zuge allgemein erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber der Qualität und Nachhaltigkeit der Lehre widmen Lehrende den Lerngewohnheiten ihrer Studierenden ein größeres Augenmerk. Hochschuldidaktische Interventionen und Innovationen, die auf einen shift from teaching to learning abzielen, finden Raum z.B. im „Forschenden Lehren im eigenen Fach“, dem scholarship of teaching and learning. Dabei zeigt sich, dass fachkulturell geprägte Lehr-/Lernkulturen in unterschiedlichsten Varianten zu beobachten sind und die Praxis in Vorlesungen, Übungen und Seminaren formieren. Wie sich Lehrpraktiken tradieren und wie die Hochschuldidaktik und Lehrende in Kooperation Ansätze und Konzepte unter Aspekten des professionellen Lehrens und des nachhaltigen Lernens entwickeln können, ist Thema des Workshops. Im Fokus steht die Arbeit an fachkulturell eingeschriebenen Überzeugungen, die in den jeweiligen Fächern zwischen Tradition und Innovation vermitteln.

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Decoding the Disciplines – die Entschlüsselung von fachbezogenen Lernhindernissen als Methode für die Lehrentwicklung

Workshop von Prof. Dr. Peter Riegler & Prof. Dr. Ingrid Scharlau, Donnerstag, 9. Mai 2019 von 14:00 - 18:30, Fortsetzung Freitag, 10. Mai 2019 von 9:30 - 11:30

Lehrende können effektiver lehren, wenn sie verstehen, was Lernen für die Studierenden schwierig macht. Als Expertinnen und Experten in ihrer Disziplin haben sie solche Schwierigkeiten möglicherweise bereits vor Jahrzehnten überwunden. Sie haben disziplinspezifische, effiziente Denk- und Handlungsmuster entwickelt, die es ihnen mitunter erschweren, die Herausforderungen, die ihre Disziplin an Studierende stellt, zu erkennen.

Decoding the Disciplines (http://decodingthedisciplines.org/) ist ein Prozess, der studentisches Lernen fördert, indem die Kluft zwischen Expertendenken und den Bemühungen Studierender beim Erlernen dieses Denkens verringert wird. Der Prozess beginnt mit der Identifikation charakteristischer fachbezogener Lernhindernisse (sogenannter Bottlenecks) und versucht, wichtige, aber in der Regel verborgene Denkmuster von Fachexpertinnen und -experten zu entschlüsseln.

Decoding the Disciplines ist gleichzeitig ein Prozess der interdisziplinären und kollegialen Zusammenarbeit. Diese kommt besonders beim Entschlüsseln disziplinspezifischer Denk- und Handlungsmuster zum Tragen: Lehrende werden von Lehrenden einer anderen Disziplin interviewt, die ihnen durch geeignete Fragen helfen, disziplinspezifisches Denken und Handeln so zu beschreiben, dass dieses Studierenden wirksamer vermittelt werden kann.

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Lehrentwicklung als Übersetzungsarbeit: Wer sorgt wie für die Verständigung zwischen Fachkulturen und Hochschuldidaktik?

Workshop von Dr. Cornelia Kenneweg, Donnerstag, 9. Mai 2019 von 14:00 - 18:30, Fortsetzung Freitag, 10. Mai 2019 von 9:30 - 11:30

Wenn Lehrende als Expert*innen für ihr Fach und Hochschuldidaktiker*innen als Expert*innen für Lehren und Lernen zusammenarbeiten, bedarf es häufig einer Übersetzungsleistung, beispielsweise um didaktische Modelle, Theorien und Begriffe an den jeweiligen Fachdiskurs der Lehrenden anschlussfähig zu machen.
Relevant werden solche Übersetzungsprozesse etwa bei der Formulierung von Lernzielen, in der Curriculumsentwicklung und der Beschreibung von Kompetenzprofilen, bei der Beforschung von (eigener) Lehre aber auch bei der Entwicklung von fachbezogenen hochschuldidaktischen Angeboten.
Ziel des Workshops ist es, darüber ins Gespräch zu kommen, wer diese Übersetzung auf welcher Grundlage leistet und wie sie dazu beiträgt, Erkenntnisse über Lehren und Lernen in verschiedenen Fachkulturen zu gewinnen.  Dazu werden Konzepte und Verfahrensweisen zur Diskussion gestellt und an konkreten Beispielen auf ihre Tauglichkeit für Verständigung und Zusammenarbeit in der Lehrentwicklung geprüft.

Weitere Informationen über Dr. Cornelia Kenneweg finden Sie hier.