"Das geht ab."

Kiel, 15.04.2010

„Das geht ab“, so beschreibt Anna Lena Straube ihre Kunst in drei Worten. Warum ein Kafka-Zitat auf der Einladung zu ihrer Ausstellung im Bunker-D (Vernissage Dienstag, 20. April 18 Uhr) passt und was passiert, wenn die Welt um sie herum tobt, verriet die 32-jährige Künstlerin Katja Jantz.

„Du brauchst dein Zimmer nicht zu verlassen,
bleib einfach an Deinem Tisch sitzen und horche.
Du brauchst nicht einmal zu horchen, warte einfach.
Du brauchst nicht einmal zu warten, werde einfach still
und die Welt wird sich offenbaren, um demaskiert zu werden;
Sie hat keine andere Wahl.
Sie wird sich in Ekstase vor deinen Füßen wälzen.“  

Franz Kafka

KJ (Katja Jantz): Welche Bedeutung hat das Kafka-Zitat für Ihre Ausstellung? 

ALS (Anna Lena Straube): Es ist Teil der Anregung für diese Ausstellung und eine Anspielung auf den „passiven“ Zeitzeugen, den Bunker, in dem sich bald meine Kunst wälzen wird.

KJ: Sind Sie in Ihrer Kindheit an Kunst herangeführt worden oder sind Sie eine „geborene“ Künstlerin?

ALS: Meine Mutter hatte als Kunstlehrerin ein Riesenregal voll klassischer Moderne und diverse kreative Materialien im Schrank.

KJ: Sie haben 1998 zunächst angefangen, Soziologie, Philosophie und Pädagogik zu studieren, sind dann aber ein Jahr später an die Muthesius Kunsthochschule Kiel gewechselt, um ein Studium der Freien Kunst aufzunehmen. Warum?

ALS: Ich empfand den Uni-Apparat als schrecklich und langweilig. Gleichzeitig wusste ich bereits, dass ich nur einer Beschäftigung jeden Tag für Stunden mit Leidenschaft nachgehen konnte: dem Malen.

KJ: Sie sind unter anderem Preisträgerin des Landes Schleswig-Holstein. Wie fühlten sich Ihre ersten Erfolgserlebnisse an?

ALS: Erfolg ist ziemlich relativ. Ich empfinde es mittlerweile als reichhaltiger, mal etwas länger von dem überzeugt zu bleiben, was ich gerade geschaffen habe.

KJ: Geboren und aufgewachsen sind Sie in Bremen. Heute leben Sie in Berlin. Inspiriert Sie diese Stadt?

ALS: Ich liebe es, wenn um mich herum die Welt tobt. Dann kann ich mich zurückziehen und ruhig werden.

KJ: Junge Frauenfiguren, deren innere Zustände und Selbstportraits stehen bei Ihrem Schaffen im Vordergrund. Wie entstehen Ihre Bilder und woher nehmen Sie immer neue Ideen?

ALS: Mittlerweile fange ich einfach irgendwie an und gehe meinen Impulsen nach. Das finde ich spannender und auch kreativer als das Malen nach Fotos. Deshalb kann ich mittlerweile auch nicht mehr jeden Tag stundenlang malen, sondern nur dann, wenn der richtige Zeitpunkt da ist. Am allerliebsten alleine in einem großen Atelier - wenn ich so eines habe, ist mir die Zeit völlig egal. Die Ideen orientieren sich immer an meinem Erlebnishintergrund.

KJ: Wie würden Sie Ihre Kunst in drei Worten beschreiben?

ALS: Das geht ab.

KJ: Seit 2005 arbeiten Sie freischaffend. Wie sieht Ihr Alltag aus?

ALS: Absolut frei.

KJ: Sie arbeiten mit Öl und Acrylfarbe auf Leinwänden. Warum haben Sie sich auf diese Materialien spezialisiert?

ALS: Im Grunde sind Acryl und Öl so unspektakulär herkömmlich. Ich habe mich insgesamt wenig um das Material gekümmert, weil mich das „Was“ des Dargestellten viel mehr interessiert als das „Wie“ und das „Aus was“. Scheinbar gilt diese Haltung als konservativ. Für mich bedeutet es, sich nicht abzulenken, sondern klar zu bleiben, andere nennen eine bloße Technik-Untersuchung bereits Konzept-Kunst - was ich zum Weglaufen langweilig finde.

KJ: Welches Thema beschäftigt Sie in Ihrer Kunst am meisten?

ALS: Die zeitlosen Empfindungen der zwischenmenschlichen Natur. Ich versuche, bei mir selber auf den Grund zu stoßen und hoffe dort, auf andere zu treffen.

KJ: 2006 haben Sie schon einmal im Rahmen der ersten Bunker-D Woche „moderne märchen“ ausgestellt und kehren nun mit aktuellen Kunstwerken zurück. Was gefällt Ihnen am Bunker-D als Ausstellungsort besonders?

ALS: Die experimentelle Freiheit verspüre ich jetzt bei der zweiten Ausstellung ganz besonders. Es ist gut, mal wieder „alles“ selber zu machen. Die Räume empfinde ich seit dem Einbau der Heizkörper als schwierig.

KJ: Was wollen Sie mit der Ausstellung „der Zeitzeuge als Statist“ zeigen?

ALS: Der Titel der Ausstellung fasst einige Ebenen zusammen. Insgesamt gibt es ein Ebenengefüge zwischen dem Bunker als Ort, den beiden dargestellten Bild-Zyklen, dem Film, der Uhr, dem Foto der Karte und dem Kafka-Zitat. Unterschiedliche Beziehungen haken ineinander. Der Betrachter befindet sich auf einer Zeitreise durch eine entworfene und eine verworfene Welt, zwischen Stille und Fülle, zwischen Information und Meditation. Die Dinge bilden ein einzigartiges begehbares, hörbares und vor allem sichtbares Gesamtgefüge meiner Wahrnehmung auf das Kunstschaffen selbst.

KJ: Wie wichtig ist es Ihnen, bei Ihren Vernissagen oder Finissagen – wie auch hier an der Fachhochschule Kiel –  anwesend zu sein?

ALS: Es ist wichtig zu kommunizieren. Ich wünsche mir noch viel mehr davon!