"Wir wollten die betroffenen Studierenden selbst über ihre Erfahrungen sprechen lassen und nicht über sie sprechen."

Kiel, 23.11.2010

„Wir wollten die betroffenen Studierenden selbst über ihre Erfahrungen sprechen lassen und nicht über sie sprechen“, sagt Prof. Dr. Melanie Plößer. Und so führte die Pädagogin und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Interdisziplinäre Genderforschung und Diversity (IGD) mit ihrem Team eine Studie zum Thema „Erfahrungen von Studierenden mit Migrationshintergrund an der Fachhochschule Kiel“ durch. Der Anlass: Mit circa acht Prozent sind Migrantinnen und Migranten an deutschen Hochschulen immer noch stark unterrepräsentiert. Häufig liegt das daran, dass sie in Bildungseinrichtungen nach wie vor benachteiligt sind.

KJ (Katja Jantz): Wie entstehen bildungsbezogene Benachteiligungen von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund an Hochschulen?

MP (Melanie Plößer): Da gibt es eine Vielzahl von Gründen, die zumeist zusammen wirken. Zum einen sind die jungen Migrantinnen und Migranten schon durch das Schulsystem benachteiligt, mit dem Ergebnis, dass sie insgesamt schlechter abschneiden.

Zudem spielt der Bereich Sprache eine große Rolle. Die Idee „Man spricht Deutsch“ ist hierzulande immer noch vorherrschend. Dabei ist erwiesen, dass mehrsprachige Schulen und Hochschulen ihren Schülerinnen, Schülern oder Studierenden weitaus größere Lern- und Bildungserfolge bieten als einsprachig ausgerichtete.

Ein weiteres Problem ist, dass die Jugendlichen nicht als selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft betrachtet werden. Ein Student hat im Rahmen unserer Studie gesagt: „Ich fühle mich hier heimisch, aber nicht zugehörig.“ Eine Studentin erzählte, sie könne machen, was sie wolle, sich perfekt benehmen und eine angepasste Vorzeige-Ausländerin sein und trotzdem werde ihr immer wieder gespiegelt, dass sie nicht so ganz dazu gehöre. Solche Erfahrungen erschweren diesen jungen Menschen die für viele andere ganz selbstverständliche Annahme: Mir steht die Welt offen und in diesem Land kann ich alles machen.

KJ: Wie sind Sie bei Ihrer Untersuchung vorgegangen und welche Aspekte haben Sie beleuchtet?

MP: Das Direktoriums-Team – bestehend aus Prof. Sabah Badri-Höher vom Fachbereich Informatik und Elektrotechnik, Prof. Uta Klein von der Uni Kiel, Geschäftsführerin des IGD Dr. Britta Thege und mir – hat sich auf drei Bereiche konzentriert.

Zum einen haben uns die Gründe und Hindernisse interessiert, die es jungen Migrantinnen und Migranten schwer machen, ein Hochschulstudium aufzunehmen. Zum anderen wollten wir wissen, wie sie ihre bisherigen Erfahrungen im Bildungsbereich interpretieren, und wie sie ihr Studium hier an der FH erleben. Im dritten Schritt haben wir gefragt, welche Handlungsempfehlungen die Studierenden an das Bildungssystem im Allgemeinen und an die FH Kiel im Besonderen haben.

Zusätzlich haben wir uns angeschaut, welche individuellen Bewältigungs- und Handlungsstrategien die Migrantinnen und Migranten entwickelt haben, um mit ihren Erlebnissen umzugehen, und was sie letztendlich dazu bewegt hat, diesen Bildungsweg einzuschlagen.

Insgesamt hat Kerstin Discher, eine Bachelor-Absolventin des Studiengangs Soziale Arbeit, mit sieben Studentinnen und vier Studenten Interviews geführt, die wir anschließend gemeinsam qualitativ ausgewertet haben. Wir wollten die betroffenen Studierenden selbst über ihre Erfahrungen sprechen lassen und nicht über sie sprechen, wie es in aktuellen Diskursen sonst oft der Fall ist.

KJ: Was ist das Fazit Ihrer Studie?

MP: Zunächst einmal ist deutlich geworden, dass sich alle Befragten sehr mit der FH Kiel identifizieren und sie als einen Ort empfinden, an dem sie sein wollen. Sie haben viele Dinge gelobt, z. B. dass bereits Teile der Homepage in russischer Sprache angeboten werden. Auch die Interdisziplinären Wochen empfanden alle als sehr gute Möglichkeit, um gemeinsam interkulturelle Themen anzuschneiden, die aus dem Studienalltag herausfallen – und zwar ohne dass eine Prüfung oder Klausur im Hintergrund steht.

Besonders positiv fand ich die Tatsache, dass alle Befragten eine sehr große Handlungsfähigkeit und Motivation bewiesen haben, um für sich einen Weg in die Hochschule zu finden und diesen auch weiter zu gehen. Vor allem Studierende aus dem Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit nutzen ihre eigenen Diskriminierungserfahrungen mit dem Bildungssystem sozusagen als Ressource und machen diese für sich zu einem Thema, für das sie sich stark engagieren. Es fällt ihnen leichter, mit Leuten umzugehen, die ebenfalls Ausschlusserfahrungen gemacht haben. 

Auf der anderen Seite war es erschreckend zu sehen, wie sehr der Alltag und die Bildungsbiographien der Migrantinnen und Migranten immer wieder von der Erfahrung geprägt werden, als „anders“ angesprochen zu werden. Die Studierenden berichteten uns von einem typischen Beispiel: Wenn sie gefragt werden, woher sie kommen und ihren Wohnort nennen, wird immer noch einmal nachgefragt, woher sie denn nun wirklich kommen, aus welchem Land.

Der bekannte Pädagoge Paul Mecheril hat in seinem Buch „Migrationspädagogik“ den Begriff „Migrationsandere“ geprägt. Damit weist er darauf hin, dass Migrantinnen und Migranten keine natürliche Kategorie sind. Sie wird immer wieder hergestellt, die Betroffenen werden also von ihrem Umfeld zu Migrantinnen und Migranten gemacht.
 
Für uns waren auch die Wünsche und Vorschläge der Studierenden für die Zukunft der Hochschule sehr interessant. Sie möchten nicht etwa große Veränderungen in Form von Extrakursen für Migrantinnen und Migranten, sondern hoffen auf eine zunehmende Sensibilität für interkulturelle Themen bei allen Hochschulmitgliedern. Dies kann z. B. durch die Teilnahme an interkulturellen Trainings und Anti-Rassismus-Workshops erreicht werden, die genau erkennen helfen, wo Machtungleichheiten und Stereotypisierungen auftreten, und gleichzeitig Hilfestellungen aufzeigen, wie man diesen entgegenwirken kann.

Wir haben viele tolle Vorschläge, Impulse und Anregungen erhalten. Diese wollen wir in den Arbeitskreis „Migration und Bildung“ hineintragen und prüfen, was wir tun können, um die FH migrationssensibler zu machen.

KJ: Womit befasst sich dieser Arbeitskreis konkret?

MP: Er wurde Anfang des Jahres von Dr. Marc Wilken ins Leben gerufen. Die Beteiligten haben u.a. ein Mentorenprogramm zur verbesserten Information zu Studium und Bildungschancen an regionalen Schulen und zur Begleitung Studierender mit Migrationshintergrund entwickelt.

KJ: Gibt es weitere Maßnahmen, die die FH bereits jetzt ergreift, um eine bessere Integration innerhalb der Hochschule zu ermöglichen?  

MP: Ja, die gibt es. Das International Office bietet sehr sinnvolle und unterstützende Sprach- und Sozialangebote an, die sich vor allem an sogenannte Bildungsausländerinnen und Bildungsausländer richten.
Außerdem hat unser Institut vor kurzem für alle Lehrenden eine Fortbildung zum Thema „Diversity“ veranstaltet und so darüber informiert, wie wir der Vielfalt von Studierenden gerechter werden könnten.

Solche weiterbildende Aktivitäten und Angebote sollten wir in Zukunft noch stärker verfolgen. Auch die Auswertungen unserer Studie haben das noch einmal bestätigt. Wir werden diese übrigens Ende des Jahres öffentlich zugänglich machen.

KJ: Erste Ergebnisse der Studie haben Sie kürzlich auf Ihrer Tagung „Migration und Bildung“ vorgestellt, die Sie gemeinsam mit der Gender Research Group der CAU veranstaltet haben. Ziel der Veranstaltung war es, migrationspädagogische Perspektiven zu entwickeln. Sind Sie mit dem Resultat zufrieden?  

MP: Meiner Meinung nach war es eine sehr gelungene Tagung, auf der viele Perspektiven aufgezeigt und diskutiert wurden. Pädagogische Einrichtungen im Allgemeinen und auch wir als Hochschule im Besonderen sollten noch viel stärker und kritischer die eigenen Normen und Vorannahmen reflektieren. Wir müssen uns fragen, was wir machen können, um offener und interkultureller zu werden. Erfahrungsgemäß fällt der Blick häufig zuerst auf die Migrantinnen und Migranten. Was müssen sie machen? Eine Hochschule mit dem Anspruch, migrationssensibel und pädagogisch interkulturell zu sein, kommt aber nicht darum herum, bei sich selbst anzusetzen, um möglichst viele Parteien mit einzuschließen.

Der wichtigste Schritt wäre anzuerkennen, dass Deutschland eine Migrationsgesellschaft ist und nicht so zu tun, als wüsste man davon nichts. Diskriminierungen im Bildungsbereich sind durchaus vorhanden – auch wenn man sie nicht gerne wahrhaben möchte. Und nur wenn man diesem Problem offen gegenübersteht, kann man herausfinden, wie man die Situation gemeinsam mit den Betroffenen verändern und verbessern kann.