Ein Interview

 

 

„Ich möchte daran mitwirken, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten an unserer Hochschule angemessen berücksichtigt werden“, sagt Prof. Roswitha Pioch. Wie die Professorin vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit dieses Ziel erreichen möchte und welche Maßnahmen dazu nötig sind, erzählte sie Katja Jantz.

 

KJ (Katja Jantz): Sie sind seit Juni 2010 Beauftragte für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung. Was zählt zu Ihrem Aufgabenbereich und was möchten Sie erreichen?

 

RP (Roswitha Pioch): Zu meinen Aufgaben gehört die Studienberatung der betroffenen Studierenden. Darüber hinaus möchte ich daran mitwirken, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung oder chronischer Krankheit an unserer Hochschule angemessen berücksichtigt werden.

Dazu zählen ein barrierefreier Campus und ein sensibler Umgang mit ihren Bedürfnissen in der Studienverwaltung, in der Lehre und auch unter den Studierenden selbst. Das geht aber nur, wenn alle Hochschulmitglieder dieses Ziel mitverfolgen – und auch nur, wenn dafür notwendige finanzielle Ressourcen,
z. B. für den behindertengerechten Umbau des Campus zur Verfügung gestellt werden.

 

KJ: Welche Behinderungen und chronischen Erkrankungen sind unter den betroffenen Studierenden zu finden?

 

RP: Es handelt sich dabei um Körperbehinderungen wie Gehbehinderungen, Sehbehinderungen oder Hörbeeinträchtigungen.

Chronische Erkrankungen können Allergien sein, die beispielsweise die Nutzung bestimmter Räume ausschließen, aber auch sehr schwerwiegende Krankheiten, wie Multiple Sklerose, Krebserkrankungen, Depressionen und Psychosen.

 

KJ: Wie viele Studierende der FH Kiel sind davon betroffen?

 

RP: Letztlich stehen wir an der Fachhochschule Kiel bei dieser Frage noch ganz am Anfang der empirischen Untersuchung. In unserer Gesellschaft ist eine deutliche Zunahme chronischer, vor allem psychischer Erkrankungen zu beobachten. Dieser Umstand spiegelt sich vermutlich auch an unserer Hochschule wider.

 

KJ: Mit welchen Problemen kommen die Studierenden zu Ihnen?

 

RP: Der Erstkontakt kommt meist dadurch zustande, dass die betroffenen Studierenden Schwierigkeiten haben, weil bei der Studienorganisation der Hochschule ihre Bedürfnisse unberücksichtigt bleiben. Die Verteilung der Studierenden auf die Lehrveranstaltungen macht in der Regel der Computer. Der fragt nicht danach, ob zu bestimmten Tageszeiten die Medikamenteneinnahme zu Hause erfolgen muss, Ruhephasen einzuplanen sind oder Ähnliches.

Des Weiteren haben die Studierenden oftmals Fragen zum Prüfungsverlauf, zu den Prüfungszeiten oder zur Anwesenheitspflicht.

KJ: Wie schätzen Sie die Entwicklung an unserer Hochschule im Hinblick auf das Thema ein?

 

RP: Das Thema wird in Zukunft wichtiger werden, aber es gibt dazu bereits eine ganze Reihe von Überlegungen, wie wir den Umgang mit Diversity – mit der Vielfalt unserer Studierenden – an unserer Hochschule verbessern können. Die Vielfalt unserer Studierenden ist nicht nur Verpflichtung sondern auch eine große Chance unserer Hochschule. Um diese zu nutzen, brauchen wir ein fundiertes Diversity management an unserer Hochschule. Dieses umfasst zum einen die Frage des Umgangs mit Behinderung und chronischer Krankheit an unserer Hochschule, zum anderen aber auch die Berücksichtigung der spezifischen Situation von Studierenden mit Migrationshintergrund. Drittens gehört dazu die Weiterentwicklung eines gendersensibler Umgangs an unserer Hochschule, der die Gleichstellung von Frauen und Männern zum Ziel hat.

 

KJ: Eines Ihrer Forschungsgebiete ist Soziale Gerechtigkeitsforschung. Was genau verbirgt sich dahinter?

 

RP: In meiner Forschung möchte ich zeigen, dass die Frage, wie gerecht unsere Gesellschaft sein soll, von der Politikwissenschaft und der Soziologie nur empirisch beantwortet werden kann. Wissenschaftlich geht es darum zu untersuchen, welche sozialen Gerechtigkeitsvorstellungen von den Gesellschaftsmitgliedern entwickelt werden.

Ich habe diesbezüglich die Vorstellungen von Spitzenpolitikern im Bereich der Sozialpolitik in Deutschland und den Niederlanden erforscht. Ein solches empirisches Wissen über gesellschaftliche Gerechtigkeitsorientierungen hilft zu erklären, warum unsere Gesellschaft ist, wie sie ist, und zeigt auch auf, welche Reformoptionen anschlussfähig sind und auf positive Resonanz in unserer Gesellschaft stoßen.

Während meiner Zeit am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln habe ich mich mit den Wechselwirkungen zwischen Sozialpolitik und Migrationspolitik beschäftigt. Unsere Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit ermöglichen und begrenzen die Handlungsspielräume der Migrationspolitik. So ist auch die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft mit Menschen mit Behinderungen und chronischer Krankheit umgehen, letztlich eine Frage der Teilhabe und der sozialen Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft, die der weiteren empirischen Forschung bedarf.