Mit strategischen Partnerschaften Netzwerke ausbauen

Erstellt von Christine Boudin / Prof. Dr. Marco Hardiman

Die Fachhochschule Kiel mit ihren sechs Fachbereichen engagiert sich seit mehr als 30 Jahren in der Ostseezusammenarbeit mit dem Ziel, die Studierenden─ und Lehrendenmobilität zu Partnerhochschulen rund um das Mare Balticum zu stärken.

Die Fachhochschule (FH) Kiel kooperiert in acht Ostseeanrainerstaaten mit insgesamt 33 Partnerhochschulen und hat rund 50 Erasmus-Abkommen in den verschiedenen Studiengängen auf Bachelor- und Masterprogrammebene abgeschlossen. Die Hochschulkooperationen in Kiels Partnerstädten Tallinn (Estland) und Vaasa (Finnland) gehören zu den langjährigen Partnerschaften mehrerer Fachbereiche. Mit sechs Hochschulen, überwiegend Universities of Applied Sciences (UAS), wurden in den Fachbereichen Medien und Wirtschaft attraktive Doppelabschlussprogramme aufgebaut. Doppelabschlüsse bestehen zurzeit mit den Hochschulen in Finnland (South-Eastern Finland UAS), Litauen (TU Vilnius und Mykolo Romerio University), Lettland (Vidzemes UAS), Norwegen (Volda UAS) und Schweden (Mälardalen University). In den Ingenieurwissenschaften bestehen die Kontakte zu Hochschulen in Kongsberg (Norwegen), Turku und Vaasa (Finnland) auch durch die vor Ort ansässigen Unternehmen und Forschungszentren, die den Kieler Studierenden ein Praxisprojekt oder eine anwendungsbezogene Abschlussarbeit in Kooperation mit Industriepartnern ermöglichen.

In der aktuellen Erasmusperiode, die 2014 begann, haben 274 Kieler FH-Studierende einen Auslandsaufenthalt in den Ostseeanrainerstaaten absolviert. Das sind 44,8 Prozent unserer gesamten europäischen Mobilität. Beliebteste Zielländer sind Norwegen und Schweden. Im Gegenzug sind 96 Studierende aus diesen Ländern an die FH Kiel gekommen, was etwa 25 Prozent der Incoming-Erasmus-Mobilitäten entspricht. In diesem Zahlenverhältnis wird eine der Herausforderungen mit Kooperationen im Ostseeraum erkennbar: Die Hochschulen in den Ostseeanrainerländern entsenden weniger Studierende. Besonders in Dänemark, Estland, Schweden und Norwegen ist die Outgoing-Mobilität zu uns rückgängig und nicht nur seit der Corona-Pandemie. Aufgrund des Ungleichgewichts haben in den zurückliegenden Jahren Partnerhochschulen in Dänemark und Schweden bilaterale Abkommen gekündigt, sehr zum Bedauern unserer Studierenden. Neue zusätzliche Partnerschaften zu initiieren war nicht einfach. Beispiel einer gelungenen Kooperation ist die bereits seit dem Jahr 2003 bestehende Partnerschaft des Fachbereichs Wirtschaft mit der LAUREA University of Applied Sciences im Raum Helsinki.

Strategische Partnerschaft mit der LAUREA

Die Zusammenarbeit der beiden Hochschulen intensivierte sich ab dem WS 2006/2007 mit gemeinsamen Lehrangeboten. Dabei handelte es sich um singuläre Kurse, beispielsweise in Jelgava (Lettland) oder Leicester (England), die zwar bilateral, aber auch teilweise mit Universitäten anderer Länder Erasmus-finanziert durchgeführt wurden. Aufgrund des großen Anklangs des Konzepts wurden diese Kurse bilateral weiterentwickelt und fanden mit der Zeit regelmäßiger statt. Mit dem gemeinsamen Ansatz des International Approach to Design Thinking (IADT) (vgl. Henriksson et al. 2020) wurde ein anspruchsvolles bilaterales projektbasiertes Kurskonzept umgesetzt, das in intensiven ein- oder zweiwöchigen Blockkursen gestaltet wurde. Ab dem Herbst 2016 wurden die Blockkurse seitens der LAUREA und der FH Kiel dauerhaft angeboten. Heute ist der Kurs Bestandteil im Wahlpflichtbereich des Curriculums des Studiengang BA BWL mit Schwerpunkt Marketing sowie des Minors „Marketing and Cross Culture“ und steht zusätzlich allen Studierenden der FH Kiel als interdisziplinärer Kurs zur Verfügung.

Erasmus+ Strategic Partnerships

Motiviert durch den Erfolg wurde von der LAUREA UAS für eine noch weitreichendere Durchführung und Finanzierung dieser Kurse ein gemeinsamer Erasmus+-Antrag im Bereich Strategic Partnerships (KA 203) mit positivem Ergebnis gestellt. Das Programm fördert den Austausch, die Zusammenarbeit für Innovation sowie den Erfahrungsaustausch für die allgemeine und berufliche Bildung (European Commission, 2017) und unterstützt ein breites Spektrum unterschiedlicher Projekte von Partnern. Für den Antrag wurden Konsortium und Kurskonzept auf weitere Universitäten aus Schweden, Schottland, Griechenland und Kroatien erweitert. Das Projekt Versatile Islands cooperating for new Services and Innovation in Tourism (VISIT) beinhaltete die Entwicklung neuer innovativer Services für den jeweiligen lokalen Tourismus auf kleinen Inseln. Jede der Partneruniversitäten, die allesamt am Meer liegen, wenngleich nicht alle an der Ostsee, brachten eine kleine Insel als Projektpartner ein. In IADT-Kursen entwickelten die Studierenden Serviceinnovationen in internationalen Teams, was dazu führte, dass dem Design-Thinking-Prozess eine neue und weitere Kreativitätsdimension hinzugefügt wurde. Die örtlichen Herausforderungen wurden vor den vielfältigen kulturellen Hintergründen sowie länderspezifischen Erfahrungen und Gegebenheiten betrachtet, was sich in vielfach besseren Lösungen widerspiegelte. Die Projektergebnisse wurden im Nachgang in Businesspläne zur Implementierung der erarbeiteten Innovationen überführt und den teilnehmenden Unternehmen überreicht.

Erfolgreicher Ansatz

Der positive Verlauf dieser Aktivitäten ermutigte die LAUREA und die FH Kiel, einen weiteren Erasmus-Projektantrag zu initiieren. Anfang 2020 wurde der Antrag für das Projekt froM Overtourism To Innovating sOlutioNs (MOTION) bewilligt. In diesem Projekt geht es in den nächsten Jahren darum, Innovationen für eine andere Art von Destinationen zu entwickeln: Ziel des Projekts ist es, Lösungen für touristische Top-Destinationen, die unter Massentourismus leiden, zu entwickeln (z. B. Stätten des UNESCO Weltkulturerbes). Im Fokus steht der Schutz der Orte und ihrer Umwelt. Die aktuelle Corona-Situation konnte in den Antrag noch nicht einfließen, wird das Projektgeschehen allerdings maßgeblich beeinflussen, da ein wesentlicher Teil des Projekts die Berücksichtigung ungewisser Zukünfte ist. In der Lehre wird das erfolgreiche Konzept der internationalen Blockkurse weitergeführt.

Bilanz

Der Aufbau des Netzwerks im Ostseeraum ist für uns noch nicht abgeschlossen. Wesentlich für unseren bislang sehr erfolgreichen Weg ist unsere Partnerschaft mit der finnischen LAUREA. Wir haben noch viele Ideen und Projekte, die wir gemeinsamen angehen möchten. Seit dem WS 2016/17 haben über diesen Weg 88 Studierende in internationalen Teams in verschiedenen Partnerländern unsere Blockkurse besucht. Hinzu kamen etwa ein Dutzend Lehrende. In den letzten Jahren haben wir die Partnerschaft mit unserer finnischen Partnerhochschule in vielen Bereichen intensiviert und gemeinsam unser Netzwerk durch internationale Lehrveranstaltungen gefestigt.

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