Mehr als die Zollstockproblematik

Drei Fragen zur Ausstellung

Was haben Sie im Bunker-D ausgestellt?

Das waren Malerei, Hinterglasmalerei, Lichtbilder, Lichtobjekte und kleine Objekte. 

Bei den Lichtobjekten handelt es sich um eine von innen heraus beleuchtete Hinterglasmalerei. Durch das Spiel von Farbe und Licht schaffe ich verschiedene Zustände, die unabhängig voneinander funktionieren. Je nachdem, ob das Licht von außen auf das Objekt fällt oder es von innen heraus beleuchtet ist, tritt etwas anderes in den Vordergrund; Formen, bildhafte Konstellationen. Malerei in Bezug auf Licht fasziniert mich.

Der Bunker als Galerie – was ist das Besondere an diesem Ort? Ist eines Ihrer Werke dauerhaft auf dem Campus zu finden?

Der Bunker bietet Räumlichkeiten, die viel Geschichte in sich tragen. Die Wandqualitäten, die Farbigkeit des Raumes – der Bunker ist ein Ort äußerster Konzentration. Ein Schutzraum, der viel Leid, Schwere und Traurigkeit aufgenommen hat. Diese Gefühle, oft ein wesentlicher Teil des Lebens, sind hier historisch und symbolisch geborgen. Kunst da hinein zu stellen, emofinde ich als bereichernd. 

Kunst auf dem Hochschulcampus – was hat das für Sie miteinander zu tun? Was ist reizvoll daran, Kunst an eine fachfremde Hochschule zu bringen?

Kunst ist immer eine existenzielle Auseinandersetzung. Der Campus als Studienort, Ort neuer Erkenntnisse - das ist ähnlich zum künstlerischen Prozess. Kunst ergänzt das weite Feld des Austausches, der Auseinandersetzung. Genau deshalb ist sie auf einem Hochschulcampus eine tolle Kombination. Sie ist für die Studierenden ein erweiternder Faktor und erinnert daran, dass es im Leben um mehr geht als die Zollstockproblematik und das Leistungsstreben unserer Tage. 

 

"Kunst hingegen erinnert ans Sein"

Ein Ateliergespräch mit Cora Korte. Mit Fotos von Andreas Diekötter.

Unmittelbar ist so ein Wort, das zu ihr passt. Ohne, dass sich etwas zwischen sie und ihr Gegenüber schiebt, teilt sie sich mit, in Worten, Gestiken, Metaphern. „Ich bin jedes Bild“, sagt Cora Korte, blickt einen offen an und wartet. Cora Korte, geboren 1961 als eine von drei Schwestern in Flensburg, will schon seit frühester Kindheit Malerin werden.

„Aus Gründen der Vernunft“ beginnt die junge Frau nach der Schule trotzdem zunächst ein Germanistik- und Kunststudium auf Lehramt. Im zehnten Semester bricht sie ab. „Ich habe nur ein Leben, das ist mir damals sehr klar geworden“, sagt Cora Korte. So widmete sich Korte ab 1986 dem Studium der Freien Kunst an der Muthesius-Kunsthochschule Kiel. Was ihr dabei hilft, ist die Verzahnung der beiden Studiengänge schon vorher: So ging Cora Korte bereits als Lehramtsanwärterin in der Kunsthochschule ein und aus und stellte schon 1983 das erste Mal aus. „Cora, das gibst du jetzt ab zur Landesschau“, drängte ihr Freund Augustin Noffke, erinnert sie sich heute schmunzelnd. 

1990 wird ihr Sohn geboren, 1991 beginnt sie ihre freischaffende Tätigkeit, in einer kleinen Altbauwohnung mit Flügeltüren. „Das war mein Atelier, und der übrige Raum das Kinderzimmer meines Sohnes“, erzählt Korte.  Ein Stipendium nach Den Haag schlägt die junge Mutter aus. – Ihre Wurzeln hat die Künstlerin auch nach dem Studium trotz nationalen Renommees und internationaler Ausstellungen in Kiel. Seit nunmehr 25 Jahren nutzt sie das Atelier am Alten Markt, rund zehn Jahre dazu ein Berliner Zweitatelier. Ihre Motivik, gegenständlich und abstrakt, ist immer Resultat eines Prozesses mit dem Leben - und dem Werk an sich. „Das ist wie ein Gespräch“, verrät Korte: „Die Wirkung der Farbe, der genaue Verlauf eines Pinselstrichs: Das Bild sagt etwas, ich antworte darauf.“ Auffällig in Kortes Wirken ist das Aufscheinen hellster Neonfarben. „Das hat für mich etwas Lebendiges, Lebensbejahendes“, sagt die Künstlerin. Die Schwere im Leben könne Anlass sein für Zweifel und Erschöpfung, aber immer scheine doch nach solchen Phasen eine Erkenntnis, ein Wachsen auf. Ohne die dunklen Facetten des Daseins könne man auch das andere - „das Licht, das Geschenk der vielen stimmigen Momente“ - nicht in ganzer Größe wahrnehmen, sagt die Malerin. „Ich glaube, Glück ist eine Entscheidung, die von innen kommen muss, die geistige Entscheidung jedes Einzelnen“, sagt Korte.

Den ersten Lichtkasten schafft Cora Korte 1996. Eigentlich entsprang die Idee einer Erkenntnis der Kindheit, erinnert sie sich. „Bei den täglichen Autofahrten fiel mir immer wieder auf, wie sehr sich die Gedankenwelt änderte, je nachdem ob es Tag war oder Nacht. Der Tag war eine Aneinanderreihung von Erledigungen. Nachts, bei Dunkelheit, saß ich auf dem Rücksitz, schaute heraus, sah auf von innen beleuchtete Fenster, und existenzielle Fragen rückten in mein Bewusstsein. Sind die Leute hinter diesen Fenstern glücklich? Wo erfahren Sie Glück, Schmerz, Unsicherheit? Was treibt sie?“ - Ab Mitte der Neunziger begann Korte, auf transparenten Trägern zu arbeiten. Zwei grundverschiedene Zustände auf einen Träger zu bringen und je nach Beleuchtung von außen oder innen andere Wahrnehmungen zu schaffen, war ihr ein Anliegen. „Hinter dem manchmal leicht Daherkommenden ist nicht alles einfach; Kunst darf Facetten des ganzen Lebens aufgreifen“, ist sich Korte sicher. Das ganze Spektrum des Daseins und individuellen Erlebens finde sich in ihren Werken. 

Der Farbauftrag auf nichttransparenten Trägern, Leinwänden etwa, ist besonders: Cora Korte arbeitet hier mit Schleifmaschine und trägt immer wieder Schichten von Ölfarbe ab, um dann mit klein- wie großformatiger Teildarstellung zu arbeiten. Die Motive sind dabei bisweilen gegenständlich, manchmal schwingen sie sich auf ins Symbolische. Ihre Arbeiten wirken gelegentlich wie eine Collage, sind jedoch „immer gemalt“.
Bald möchte sie noch mehr bildhauerisch arbeiten, sagt die Künstlerin. Aber die Kunst und das Leben gehen ihren eigenen Weg, das ist das, was mitschwingt. Jeder Augenblick ist einzigartig und nicht wiederholbar – das weiß Cora Korte festzuhalten in ihren detaillierten, verspielten, niemals aber leichtfertigen Ansichtnahmen der Welt.

Julia Plothe